Der kleine Historiker – wie man mit Statistik lügt

Der kleine Historiker

Statistik soll eigentlich dazu dienen, vom Kleinen auf das Große zu schließen und damit Zusammenhänge besser erkennbar zu machen. Doch seit es Statistik gibt, wird diese auch genutzt, um durch flexible Interpretation die eigene Meinung zu untermauern. Wie beim scheidenden Oberbürgermeister. Etliche Probleme wird er hinterlassen: Unzureichender Nahverkehr, ein chaotisches Verkehrskonzept, schlechte Bildungsversorgung, die Kindergartengebühren, einen angespannten Wohnungsmarkt und eine gespaltene Stadtgesellschaft.

Während die Tageszeitungen die Gefahr einer möglichen Spaltung noch erwägen, braucht man sich nur auf der Straße umzusehen, um Beweise dafür zu finden. Zum Beispiel in der Abrißpolitik gegenüber DDR-Gebäuden. Da sagt dann also dieser Oberbürgermeister, die Potsdamer sind eben nie zufriedenzustellen. Das wissen wir ja seit der Mitte der 90er. Und hier sind wir wieder bei der Statistik. Seinerzeit wurde statistisch ermittelt, daß dem Einkommen nach die Potsdamer bereits Westniveau erreicht hatten. Trotzdem waren die Potsdamer im Durchschnitt die unzufriedensten Ostdeutschen seit dem Beitritt. Logische Schlußfolgerung: Die Potsdamer sind alle undankbar und nicht zufriedenzustellen. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, daß für den statistischen Wohlstand nur ein paar Großverdiener notwendig sind, welche in den 90ern schnell den Reiz der Stadt erkannt hatten und zugezogen waren. Für die Frage nach der Zufriedenheit zählt jedoch leider auch in Potsdam nicht mehr das Dreiklassenwahlrecht. Die Stimme eines Einkommensschwachen zählt da – für die Statistiker, in der Politik nicht immer – genauso viel wie die eines Großverdieners. So beweist die alte Statistik, daß es schon in den frühen 90er Jahren große soziale Verwerfungen in Potsdam gegeben hat. Man kann es natürlich auch anders auslegen. Eben die Potsdamer, die ja ständig unzufrieden sind und denen man es nie recht machen kann. Zum Glück hatte er trotzdem Geduld mit uns. Der Oberbürgermeister hätte sich ja auch gleich ein neues Volk wählen können, was ihm gegenüber etwas dankbarer ist.

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