Die 7 Mythen der Garnisonkirche

2019: 100 Jahre Weimarer Republik, 100 Jahre Bauhaus … und 100. Jahrestag der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht durch Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Letzteres geschah am 15.Januar. Der 15.Januar 2019 ist auch der 15. Jahrestag des „Rufes aus Potsdam“.

Ein Anlass, sich dem Aufruf, den Rufenden und ihre Argumenten zu widmen. Vor allem den vielen falschen Versprechen, den geschichtlichen Verdrehungen und gezielten Inszenierungen gilt siebenfach die Aufmerksamkeit.

Die 7 Mythen in Kurzfassung:

Der Opfermythos: Die Sprengung der Kirche erfolgte nicht auf Geheiß der DDR-Staatsführung oder Geheiß von Walter Ulbricht, sondern wurde bereits 1966 durch die Bezirksleitung in Abstimmung mit der EKD beschlossen. Der kirchliche und finanzielle Fokus des Staates lag auf der Errichtung von Gemeindezentren und dem Wiederaufbau der Nikolaikirche.

Der Heldenmythos: Mehrere adlige Offiziere waren Mitglied der Militärgemeinde der Hof- und Garnisonkirche. Einige von ihnen gehörten auch zu den Verschwörern des Hitlerattentates vom 20.Juli 1944. Ein Zusammenhang zwischen Gemeindemitgliedschaft und Widerstandshandlung besteht in keinem Fall.

Der Ehrenmythos: Die Besuche des russischen Zaren Alexander und Napoleons in der Gruft werden gern zur Überhöhung der preußischen Könige und Würdigung der Garnisonkirche genutzt, müssen und können aber auch völlig anders interpretiert werden. Im Falle Napoleons ist dies auch notwendig. In beiden Fällen galt das Interesse lediglich Friedrich II und nicht der Garnisonkirche.

Der Demokratiemythos: In der Garnisonkirche fand keine Amtseinführung des ersten frei gewählten Magistrats 1809 statt. Die erste konstituierende Sitzung fand Monate zuvor am 20.März 1809 im Holländischen Haus, Lindenstraße 54 statt. In der Garnisonkirche – da die Stadtkirche nicht zur Verfügung stand – fand lediglich ein Gottesdienst für die Stadtverordneten statt.

Der Anblicksmythos: In den letzten 300 Jahren gab es zwei Varianten des Drei-Kirchen-Blicks, einmal für 60 und einmal für 95 Jahre. Weder der Drei-Kirchen-Blick noch die historische Stadtsilhouette waren oder sind für die Stadt und deren Entwicklung von existenzieller Bedeutung. Beides (Blick, Silhouette) ist nicht ohne die Zerstörung von Vorhandenem und Funktionierendem reproduzierbar.

Der Spendenmythos: Mit dem „Ruf von Potsdam“ wurden versprochen, die Finanzierung des Aufbauprojektes allein durch Spenden und Sponsoring zu realisieren sowie die Fertigstellung des Baus bis 2017. Beides hat sich als Mythos herausgestellt. 2017 wurde gerademal mit der Gründung begonnen und der größte Geldgeber ist die öffentliche Hand. Nicht mal 10 Mio. € kamen bisher an Spenden zusammen.

Der Sprachmythos: Um große Worte sind weder die Stiftung Garnisonkirche, noch der Förderverein oder all die Repräsentanten verlegen. Bis heute gibt es kein Versöhnungskonzept, keine kritische und umfängliche Geschichtsaufarbeitung  sowie keinen breiten innerkirchlichen, oder gar gesellschaftlich Diskurs um mögliche Konzepte. Selbst ein Bürger*innendialog wurde bisher vermieden.

Hier beginnt die Langfassung. Wir wünschen erkenntnisreiches Lesen.

1. Der Opfermythos: Die Instrumentalisierung Ulbrichts

Im Ruf von Potsdam wird die Opferrolle der ehemaligen königlichen Hof- und Garnisonkirche betont. Es wird von Hinrichtung gesprochen. Ursache und Wirkung werden bezüglich der Nacht von Potsdam völlig ignoriert. Die Rufer stellen gern die Kirche als Opfer zweier Diktaturen dar, was weder bei diesem Bauwerk noch generell möglich ist, da diese nicht gleichzusetzen sind. Auf der Homepage und in zahlreichen Veranstaltungen wird betont, dass es Walter Ulbricht war, der die Kirche hat sprengen lassen. Gern werden dann Begriffe wie „DDR-Diktatur“, „SED-Sprengkommando“, „Befehl“ und „SED-Staat“ in diese Sätze eingebaut, um sich noch stärker als Opfer zu generieren und sich bei den Zuhörer*innen und Leser*innen die Solidarität zu sichern.

Natürlich war der Abriss des wiederaufbaufähigen Turms nicht nur ein städtebaulicher, sondern auch ein politscher Akt. Es stimmt auch, dass Ulbricht am 22.Juli 1967 kurz in Potsdam war, weil ihm die Bauarbeiten in der Stadt zu langsam voran gingen. Der Tag ist ausführlich dokumentiert. Die Rekonstruktion der Ereignisse ist in Grünzigs Buch „Für Deutschtum und Vaterland“ auf den Seiten 340-345 ausführlich nachzulesen. Gern wird passend zum Opfermythos erzählt, dass Architekt Werner Berg den Staatsratsvorsitzenden auf die für die Stadtsilhouette unverzichtbare Höhendominante des Kirchturms hingewiesen hat. Ulbricht soll ihm geantwortet haben, „daß er sich wohl eine neue Dominante würde suchen müssen“. Dies wird gern als Abrissorder fehlinterpretiert. Alle Planungen, die Ulbricht an diesem Tag vorgelegt wurden, sahen schon die Überbauung des Kirchenareals vor. Eine Variante sah beispielsweise ein Haus der Wissenschaften neben dem Rechenzentrum vor.

Tatsächlich stand der beauftragte Abriss der Garnisonkirche spätestens seit Herbst 1966 fest. Also ein Jahr früher! Der Anfang vom Ende war die Forderung der SED-Bezirksleitung – nicht Staatsführung oder ähnliches – vom 12.August 1966 nach Baustopp und Abriss. Es folgten Nichtverlängerung der Baugenehmigung und baupolizeiliche Sperrung.

Natürlich gab es in Folge auch Proteste gegen den geplanten Abriss. Gern vergessen wird in dem Zusammenhang auch, dass sämtliche Arbeiten am Turm der ehemaligen Hof- und Garnisonkirche zu Gunsten der Heilig-Kreuz-Gemeinde vor allem durch den DDR-Staat finanziert wurden. Die evangelische Kirche hielt sich komplett zurück. Lediglich einige wenige Zuschüsse von westdeutschen Kirchengemeinden waren  zu verzeichnen. Und auch die strategischen und praktischen Entscheidungen der hiesigen Kirchenleitung waren nicht im Sinne eines Erhalts der Garnisonkirche. Die innerkirchlichen Entscheidungen und Dokumente stehen teils im Widerspruch zu den öffentlichen Protestschreiben an die Stadt- und Bezirksoberen sowie die DDR-Führung. Verwiesen sei u.a. auf das Protokoll der Sitzung des Ausschusses für „Stadt des kirchlichen Wiederaufbaus Potsdams“ vom 23.Februar 1967 (zahlreiche Kirchen werden finanziell bedacht, nur nicht die Garnisonkirche) oder  den Beschluss der Kirchenleitung vom 30.Juni 1967, nachdem die Garnisonkirche bei den Gesprächen mit der Bezirksleitung zum Wiederaufbau von Kirchen auch weiterhin ausgeklammert werden sollte. Auch das kirchliche Bauamt fokussierte alle Ressourcen auf den Wiederaufbau der Nikolaikirche zu Lasten der Garnisonkirche. Die Beschaffung und Umsetzung des Baugerüstes in der Zeit 1964 bis 1967 macht dies deutlich.

Die Heilig-Kreuz-Gemeinde hatte sich ebenfalls kurz gewehrt, wurde aber „fürstlich“ entschädigt; finanziell und räumlich. Sie wollte danach nie mehr zurück und wandte sich gegen die Wiederaufbaupläne.

2. Der Heldenmythos: Die Instrumentalisierung Henning von Tresckows

Gern werden Männer wie Henning von Tresckow (HvT) missbraucht, um aufzuzeigen, dass in der Hof- und Garnisonkirche antifaschistischer Widerstand „zu Hause“ war. Dies kritisieren selbst wohlwollende Befürworter wie der Historiker und Politikwissenschaftler Prof. Martin Sabrow. Bildlich gesprochen könnte das Thema auch so kurz abgehandelt werden: Wenn ein Lehrer in eine Kirche geht, wird aus dem Haus noch lange keine Schule.

Tresckow folgte der Familientradition und trat im Juni 1917 in das Erste Garderegiment zu Fuß ein. Er erkämpfte sich seine Reputation in Kämpfen gegen die Revolutionäre 1918/19 als Angehöriger des Freikorpsregiments in Potsdam. Dann übernahm ihn die Reichswehr ins Infanterie-Regiment 9, dem Sammelbecken für adlige Militärs. Es folgten Studium, die Arbeit als Bankkaufmann und die Heirat der Tochter des Generalstabschefs. 1934 verließ HvT erneut das Neuner Regiment um an der Kriegsakademie des Reiches Generalstabsoffizier zu werden. Bis zu seinem Tode 1944 hatte er es im 3. Reich zum Generalmajor geschafft.

Seine innere Opposition zum NS-Regime basierte ganz auf den militärischen Ehrprinzipien denen er sich verpflichtet fühlte. Ein Kriegsgegner war er nie. Ihn bedrückte das Schweigen, mit der die Reichswehrführung die Erschießung zweier Generäle nach dem Röhmputsch hinnahm. Nach der Blomberg-Fritzsch-Krise 1938 – also der Entmachtung der Wehrmacht – wollte HvT bei seinem vorgesetzten General Erwin von Witzleben seinen Abschied einreichen. Witzleben bewog ihn zu bleiben und weihte ihn in Staatsstreichpläne führender Militärs ein.

Natürlich besuchte HvT samt Familie auch mal die Garnisonkirche, wenn er nicht fern der Stadt diente. So auch am 11.04.1943 anlässlich der Einsegnung seiner Söhne. Er ermahnte die Knaben an „der heiligsten Stätte des alten Preußentums“: „Preußentum birgt eine große Verpflichtung zur Wahrheit, zur innerlichen und äußerlichen Disziplin, zur Pflichterfüllung bis zum Letzten …“. Am 01.Oktober 1943 übernahm HvT als Regimentskommandeur das 442.Grenadierregiment und blieb bis zu seinem Freitod im Fronteinsatz. Mit der Durchführung des Attentats am 20.Juli 1944 hatte er nichts zu tun. Noch im Sommer 1943 arbeitete HvT mit Olbricht und Staufenberg an den Umsturzplänen. Die Walküre-Pläne mussten nach den vielen gescheiterten Attentatsversuchen stetig angepasst werden.

Wenn es in Potsdam einen Ort gibt, der mit dieser Zeit und Arbeit verbunden ist, dann ist es die Villa Arnim in der heutigen Karl-Marx-Straße 25 (damals Straße der SA) in Potsdam-Babelsberg und nicht die Garnisonkirche. In Babelsberg wohnte HvT mit seiner Frau im Sommer 1943 für einige Wochen bei seiner Schwester, Marie-Agnes, die mit dem Landeshauptmann der Provinz Brandenburg, Dietloff von Arnim-Rittgarten verheiratet war.

Im Übrigen gibt es Visavis der Kirchbaustelle bereits eine ansehnliche Ausstellung zum Hitlerattentat und den beteiligten Verschwörern. Heute ist es ein Ministerium und damals war es die Kaserne des Infanterie-Regiments Nr. 9. Dies ist ein sehr authentischer Ausstellungsort. Eine zweite Ausstellung in der Garnisonkirche wäre wieder nur eine Kopie in der Kopie.

3. Der Ehrenmythos: Die Instrumentalisierung Napoleons durch falsche Zitate

Der französische Kaiser Napoleon I war am 25.Oktober 1806 am Sarg Friedrichs II in der Gruft der königlichen Hof- und Garnisonkirche. Das ist geschichtlich belegt. Ebenso der Einmarsch der französischen Truppen in Berlin und Potsdam.

Gern wird der Besuch Napoleons als „Reverenz des Siegers Napoleon am Sarge Friedrichs“ dargestellt und mit dem Zitat verknüpft „Wenn der König noch am Leben wäre, dann stünden wir nicht hier.“

Dies sagte der Korse allerdings nicht in der Gruft, sondern im Stadtschloss. Bereits am 24.Oktober 1806 war Napoleon mit seiner Garde Imperiale in Potsdam eingezogen, hatte Sanssouci und Stadtschloss besichtigt. Hier nahm er auch Quartier und lies sich den Wohnflügel Friedrichs zeigen. Als er den Degen Friedrich des Großen in den Händen hielt, den er wirklich bewunderte, sagte er den bereits zitierten Satz. Dieser Spruch wird auch als lobhudelnde Schmeichelrede eingestuft. Preußen war zusammengebrochen und Napoleon machte sich eher lustig über den friderizianischen Staat und dessen Gefolge. Sie hatten nicht das Format des alten Kriegstreibers Friedrich II. Am Tag danach, am Morgen des 25.10. ließ Napoleon im Potsdamer Lustgarten sogar die kaiserlichen Garden exerzieren, um so seine Überlegenheit zu demonstrieren.

Sorge machte der Korse sich hingegen um die Vergänglichkeit seines Ruhms, als er danach für kurze Zeit die Gruft in der Garnisonkirche, gemeinsam mit seinen Marschällen Murat, Duroc und Berthier sowie dem Prinzen Jerome, betrat. In der Gruft wurde nicht gesprochen. Beim Verlassen dieser, so überlieferte der Augenzeuge Tamanti, soll Napoleon gesagt haben: „Wenn man auch tot ist, so ist doch der Ruhm unsterblich.“ Am gleichen Tag machte sich Napoleon mit seinen Truppen auf in die Hauptstadt Berlin. Potsdam – Kernzelle des preußischen Heeres – blieb nur die militärische Demütigung. Potsdam war ab dem Tag eine „besetzte Stadt“ und wurde für zwei Jahre französische Garnison und Hauptkavalierdepot der Grande Armee.

Der ebenfalls hervorgehobene Besuch des Zaren Alexander I am 3./4. November 1805 ist geschichtlich nahezu unbedeutend. Die Verbrüderung fand bereits drei Jahre zuvor in Memel (Juni 1802) statt. Es war lediglich ein „Treffen unter Freunden“ am Grab des „Patenonkels“. Der Zar war im November 1805 auf dem Weg nach Weimar und Mähren (zur Schlacht bei Austerlitz am 02.Dez.1805). Das Bündnis, welches in der Nacht nach dem Besuch der Gruft notifiziert wurde, kam erst Jahre später zum Tragen, als Preußen längst zahlreiche Gebiete gegen Frankreich verloren hatte. Der Freundschaftsbund zwischen Alexander I und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen hingegen, hielt bis ans Lebensende.

Es verwundert auch nicht, dass der Zar die Grabstätte Friedrichs II besucht. Immerhin hatte ihm dieser bereits 1779 (also im zarten Alter von 2 Jahren) den Schwarzen Adlerorden, also den höchsten preußischen Orden verliehen. Dieser Orden trug die Inschrift „suum cuique“ (jedem das Seine).

Unabhängig der geschichtlichen Einordnung beider Besuche bleibt festzuhalten, dass beide Kaiser (Alexander I und Napoleon I) sich für Friedrich II interessierten. Wäre dieser nicht entgegen seines Willens in der Kirchengruft, sondern auf der Terrasse des Schlosses Sanssoucis neben seinen Hunden beerdigt worden, hätte keiner der Herren je die Garnisonkirche betreten. Ihr galt kein Interesse.

Andererseits begründen diese Besuche den Beginn der Friedrich-Verklärung und den Kult um ihn. Dieser wiederum ist Teil dessen, was die Garnisonkirche zu „der heiligsten Stätte des alten Preußentums“ und zum Anziehungspunkt für Militaristen, Nationalisten und Faschisten macht(e).

4. Der Demokratiemythos: Die Fehlinterpretation der Amtseinführung des Magistrats am 03.08.1809

Auf der Homepage garnisonkirche-potsdam.de ist zu lesen: „In der Garnisonkirche fand am 03.August 1809 die konstituierende Sitzung des ersten frei gewählten Potsdamer Magistrats statt.“ Oder „die ersten frei gewählten Stadtverordneten Potsdams tagten hier“. Beides ist falsch! Die erste konstituierende Sitzung der ersten Potsdamer Stadtverordnetenversammlung fand am 20.3.1809 im Holländischen Haus, Lindenstraße 54 statt. Und nicht in der Garnisonkirche! Eine reguläre Tagung des Magistrats fand dort nie statt. (https://www.potsdam.de/sites/default/files/documents/Potsdam_Wahlen_histor.pdf , S. 8)

Der Magistrat wurde in der Garnisonkirche – im Nachgang – am 03.August 1809 lediglich bei einem Gottesdienst anlässlich der Einführung der Steinschen Städteordnung in Preußen auf Gott und König vereidigt. Ein Gottesdienst zur Einführung der Stadtverordneten war zu dieser Zeit generell üblich. In Berlin fand der Gottesdienst für die ersten preußischen Stadtverordneten in der Nikolaikirche, in Mitte, statt.

Für Verwirrung hinsichtlich des Gottesdienstes und der Konstituierung des Magistrats in Potsdam sorgte das Buch von Andreas Kitschke: „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“. Darin wird Gottesdienst und Konstituierung gleichgesetzt und ausgeführt, dass die Zeremonie eigentlich in der Kirche St. Nikolai – der Stadtkirche – stattfinden sollte, diese war jedoch 1795 abgebrannt. Die königliche Hof- und Garnisonkirche war lediglich das Ausweichquartier. Sie wurde durch die königliche Widmung ursprünglich als nicht angemessen betrachtet. Denn immerhin sollte erstmals eine „Gewaltenteilung“ vollzogen werden.

Interessant ist auch, dass die Amtseinführung des Magistrats – ein städtischer, demokratischer „Staatsakt“ – gern in die Liste der Nutzungsereignisse der Garnisonkirche aufgenommen wird (um sich als Hort der Demokratie zu zeigen), aber ein anderer Staatsakt, die Feierlichkeiten zur Eröffnung des gewählten Reichstages am 21. März 1933 als Missbrauch bezeichnet wird. Beiden Ereignissen gingen Wahlen, ein Brand und die erneute Abwägung bezüglich eines geeigneten Veranstaltungsortes voraus. In beiden Fällen bot sich die Kirchenführung selbst als Hort des Geschehens an.

Ein völlig demokratischer und unverfänglicher Vorgang ist für die Aufbaubefürworter auch, dass der heutige AfD-Bundestagsabgeordnete und Bundesvorsitzende Alexander Gauland, 2004 noch Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ), zu den Erstunterzeichnern des „Rufes aus Potsdam“ gehört. Sein Ausspruch »Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte« ähnelt der häufigen Aussage, dass der „Tag von Potsdam“ nur ein Tag in der 300jährigen Geschichte der Hof- und Garnisonkirche gewesen sei.

5. Der Anblicksmythos: Die Stadtsilhouette als Non plus Ultra der Stadtentwicklung?

Die Wiederaufbaudebatte ist stark mit dem stadtbildprägenden Charakter der Hof- und Garnisonkirche verbunden. Tatsächlich prägten drei Kirchen aus der Zeit Friedrich Wilhelm I. (Soldatenkönig) für lange Zeit das Stadtbild von Potsdam: Neben der Stadtkirche (der Nikolaikirche) entstand von 1726 bis 1728 die Heiliggeistkirche am östlichen Ende der Stadt und 1730 bis 1735 die zweite Garnisonkirche an ihrem westlichen Ende. Beide ebenfalls mit Türmen von beinahe 90 Metern Höhe. Die drei Kirchen bildeten, in einer ost-westlichen Blickachse aufgereiht, eine Linie: den Drei-Kirchen-Blick. Die gepriesene Stadtsilhouette wurde besonders durch Bilder und Kupferstiche, mit dem Blick vom Brauhausberg herab, romantisiert. Nicht mitgeliefert wurden dabei der Gestank (z.B. durch Stadtkanal, Pferde- und Tierhaltung, mangelnde Hygiene) und der militärische Charakter der eingemauerten Stadt (mit eingesperrten Soldaten und hoher Desertationsrate).

1721 ließ der König die Katharinenkirche aus Gründen der Baufälligkeit und der Enge des Platzes vor dem Stadtschloss abreißen und nach Plänen von Philipp Gerlach neu bauen (die Nikolaikirche). Wirklich neu war 1724 allerdings nur das Kirchenschiff, denn den aus dem 16. Jahrhundert stammenden Turm ließ der sparsame König nur dem architektonischen Stil der Zeit anpassen. Einige Jahre überragte nun der 90 Meter hohe Turm mit Laterne unter geschweiftem Helm die wachsende Stadt, bevor der Nikolaikirche die zwei anderen Höhendominanten an die Seite gestellt wurden.

Dieser Drei-Kirchen-Blick bestand lediglich 60 Jahre und war gekennzeichnet durch drei schlanke Kirchtürme. 1735 wurde die letzte der drei Kirchen fertig und 1795 brannte die erste der drei ab. 1796 wurde diese abgetragen. An Stelle der alten Nikolaikirche entstand über mehrere Etappen bis 1837 die Nikolaikirche Schinkelscher Prägung. Die heute bekannte emporragende Tambourkuppel des 77 Meter hohen Gebäudes wurde erst in der Zeit von 1843 bis 1850 errichtet. Das waren also 55 Jahre ohne einen Drei-Kirchen-Blick. Durch die Kuppel entstanden auch ein Stilbruch gegenüber dem alten Drei-Kirchenblick und ein räumlicher Versatz. Bereits 20 Jahre später, also 1870 ergänzte die katholische Kirche St. Peter und Paul die Silhouette der Stadt. Allerdings beschaulich, mit nur 64 Metern Höhe. Dieses Kirchenquartett prägte das Innenstadtbild bis 1945, also 75 Jahre lang. Es folgten zwei Jahrzehnte mit Ruinen und  Abrissen. 36 Jahre nach der Zerstörung, am 2. Mai 1981, fand die feierliche Weihe der rekonstruierten Nikolaikirche statt.

Für eine Stadt hat die eigene Silhouette, im Gegensatz zur Funktionalität der Stadt, wenig Bedeutung. Für eine Stadt des 21. Jahrhunderts stehen ohnehin andere Themen im Mittelpunkt, als die einer Militär- und Verwaltungsstadt des 18. Jh. Bei lediglich 20 Prozent konfessionsgebundenen Bevölkerungsanteil (mehrheitlich evangelisch) steht auch die Frage, ob Kirchtürme heute noch die Bedeutung haben, wie vor zwei- oder dreihundert Jahren. Selbst modernes Christentum stellt derartige Gotteshuldigung in Frage. Andere Religionen haben gar keine Heimstätte in der Stadt.

Heute prägen andere Bauten, gemeinsam mit den Kirchen, die Silhouette der Stadt. Menschen müssen schon viele Scheren im Kopf haben, um sich daraus die drei Kirchenrekonstruktionen auszuschneiden.

In den Jahren 1961-1974 wurden zwei (teils wiederaufbaufähige) Kirchen- bzw. Kriegsruinen abgerissen. Um heute den Drei-Kirchen-Blick wiederherstellen zu können, müssen und sollen funktionsfähige Gebäude und Denkmäler abgerissen werden. Das ist die Zerstörung von Epochen zur Rekonstruktion anderer Epochen. Zerstörung wird somit zum Heilmittel der Zerstörung und subjektive Ästhetik zu deren Maßstab erhoben.

6. Der Spendenmythos: Falsche Versprechen zu Finanzierung und Bauzeit der Kirchenkopie

Im Aufruf der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam e.V. vom März 2005 wird angepriesen, dass die Garnisonkirche „als Stadtkirche für Glaubende und Suchende, als Symbolkirche zur Besinnung auf unsere sittliche Grundlagen, als Versöhnungskirche zur Überwindung von Entfremdung und Feindschaft und als Krönung des Stadtbildes“ fungieren soll.

Die Grundsteinlegung fand passend zur Opferrolle am 14.April 2005, dem 60. Jahrestag der Nacht von Potsdam statt. Im Aufruf heißte es „Die Einweihung der Garnisonkirche könnte – mit Ihrer Unterstützung! – im Jahr 2017 zum 500. Jahrestag der Reformation erfolgen“. Der Verein ist sich nicht zu schade, alle Termine der Geschichte für sich zu nutzen und sogar mit der Schaffung von Arbeitsplätzen durch den Wiederaufbau zu werben. Der Aufruf endet mit dem Satz „Die Potsdamer Garnisonkirche ist wie kein anderer Ort in Deutschland geeignet, Identität zu stiften und zugleich eine Stätte der Rück- und Neubestimmung zu werden!“

Der Aufruf zur Grundsteinlegung legt die wahren ideologischen Motive (nationale Identitätsstiftung, konservative Rück- und geschichtliche Neubestimmung) offen. Alle anderen Aussagen in den Folgejahren sind lediglich wortakrobatische Übungen um die Kritik zu entkräften.

Das erste Ziel, 2017 die Kirche einzuweihen hat sich bereits als sehr spekulativ erwiesen. 2017 fand lediglich der Beginn der ersten Gründungsmaßnahmen statt. Allein die Maurerarbeiten am Turm (insgesamt 800 Ziegelschichten) brauchen 400 wettergerechte Arbeitstage und beginnen erst im Frühjahr 2019. Mit der Fertigstellung des Rumpfturms ist nicht vor Ende 2021 zu rechnen. Turmhaube, Zierrat und alles andere sind nicht vor 2023 vor Ort umsetzbar. Ausfinanziert sind diese sowieso nicht.

Alle Zeit- und Geldangaben haben sich bisher als korrekturbedürftig herausgestellt. Besonders die Aussagen des Altbischofs Huber, Vorsitzender des Kuratoriums der Garnisonkirchenstiftung zur möglichen Finanzierung haben sich als haltlos erwiesen. Ursprünglich wollten die Herren der Stiftung das Projekt ausschließlich mit Spenden und Sponsoren realisieren. Dann beantragten und bekamen sie Geld aus dem Topf der DDR-Altparteien. Noch 2012 wurde behauptet, dass man weder Hilfe vom Land oder der Stadt erwartet. (siehe z.B. MAZ vom 26.04.2012 und 12.05.2012). Das Grundstück war da schon von der Stadt an die Stiftung verschenkt worden. Der millionenschwere Umbau der Breiten Straße folgte 2013 auf Kosten der Stadt. Auch Landesmittel waren längst beantragt. Selbst Mittel der Militärseelsorge, was ursprünglich auch verneint wurde. Mittlerweile kommt mehr als die Hälfte der zur Verfügung stehenden Mittel von der öffentlichen Hand. Mehr als 15 Mio. €! Bisher hat die Stiftung Garnisonkirche unserer Kenntnis nach, grad mal 28,5 Mio. € zusammen getragen bzw. in Aussicht gestellt bekommen (Eigenleistung und Spenden: 8,2 Mio. €; drei Kirchenkredite: 5,0 Mio. €; Mittel der Militärseelsorge: 0,25 Mio. €; Gelder vom Bund: bis 12 Mio. €; Mittel vom Land: 2,6 Mio. € und von der Stadt: 0,47 Mio. €). Es fehlen über 20 Mio. € zur Fertigstellung des Turms, wenn reale Baukosten angesetzt werden. Neben den direkten Zuschüssen von Bund, Land und Stadt ergeben sich bisher schon Kosten für Vorleistungen und Nebenwirkungen in Höhe von 75 Mio. €. Näheres unter: http://www.potsdam-stadtfueralle.de/2018/09/12/garnisonkirche-ein-goldenes-kalb-fuer-potsdam/#more-667

Hinweis: Falls sie selbst für ein kirchliches Mahnmal des II. Weltkriegs mit preußischer Vergangenheit spenden wollen, dann wenden sie sich bitte an: https://www.gedaechtniskirche-berlin.de/page/11697/fuer-den-gebaeudeerhalt-spenden-betreten-erbeten?neues-spendenformular-2669/spende

7. Der Sprachmythos: Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben; Ort des Friedens …

„Worte, Worte nichts als Worte…“. Um große Worte waren die Aufbaubefürworter*innen noch nie verlegen. Nur was darunter zu verstehen ist, blieb immer unklar und wechselhaft. 2012 äußerte sich beispielsweise Burkhard Franck, dass „das internationale Versöhnungszentrum längst keine Rolle mehr spielt“. Ein internationales Zentrum sei zu anspruchsvoll. Er sehe die Garnisonkirche eher als Symbolkirche und Gedenkort für den 20.Juli. Die angestrebte Friedens- und Versöhnungsarbeit solle vielmehr „die Gegensätze in Religion und Gesellschaft überwinden“ und Fragen der „Versöhnung mit der eigenen deutschen Geschichte“ behandeln (siehe PNN 27.06.2012). Letzteres ist seit Beginn des Vorhabens ein Kritikpunkt am Projekt. Versöhnung wird hier völlig falsch verstanden. Versöhnung können nur die Opfer anbieten, nicht die Täter. Und die eigene deutsche Geschichte zu relativieren, kann ja hoffentlich nicht Ziel des Projektes sein. Bis heute fehlt ein wissenschaftliches Konzept zur inhaltlichen Arbeit der Stiftung. Erste Bausteine wurden nach jahrelangem Protest nun in Auftrag gegeben. Als Ergebnis für die Zeit 1918-1945 „Die Garnisonkirche war keine reine Nazikirche“ wird der Historiker Johannes Leicht zitiert (PNN 25.11.2018). Also war sie „auch“ eine Nazikirche. Leider untersucht Leicht zu wenig die faschistische Ausrichtung der dominierenden DNVP in dieser Zeit.  „Die Geschichte der Garnisonkirche dürfe man nicht nur auf den Tag von Potsdam reduzieren.“ ist Lehrs zentrale Aussage. RICHTIG! Außer der Stiftung Garnisonkirche (SGP) selbst und einige Journalisten macht dies ja auch niemand! Die Gegner des Projektes jedenfalls nicht. Dass die Garnisonkirche zum Symbol des preußischen Militarismus und Nationalismus wurde, liegt auch in der Verherrlichung der beiden Könige (in der Gruft) und in der Zeit von 1806 bis 1918. In dieser Epoche wurde die Kirche zur  „heiligsten Stätte des alten Preußentums“.  Ohne diese Vorgeschichte, hätte es die sogenannte  „Vereinnahmung durch die Nazis“ gar nicht geben können.

Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Kein normaler Mensch wünscht sich Krieg. Für Frieden sein, ist universell. Wieso dann eine Friedensbotschaft an eine Kirche schreiben?

Für ostsozialisierte Menschen ist die Erkenntnis, dass die Diskrepanz zwischen Wort und Tat dort am Größten ist, wo große Worte geschwungen werden, noch im Bewusstsein. Mehr Schein als Sein. Wer seine Mission lebt, wer Frieden und Versöhnung lebt, muss dies nicht permanent auf- oder gar an Fassaden schreiben. Die verkündete Inschrift der Stiftung Garnisonkirche für die Turmkopie wirkt aufgesetzt und suggestiv. Im Lukas-Evangelium (Lk 1,79) steht: „… auf daß er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

Ja, sie saßen im Kirchturm der Finsternis und im Schatten des Todes, im Zentrum zahlreicher Schlachten und zweier Weltkriege. Der Lukas-Text mahnt: Gott soll den Schwachen, den Tätern erscheinen und all den Christen, damit sie „dem Geist der Gewalt widerstehen und sich für den Frieden einstehen.“ Mit diesen Worten mahnte der Rat der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) unter Bezug auf Lukas 1,79 anlässlich des 100. Jahrestages des Beginns des 1. Weltkrieges 2014.

Der Rat der EKD fand klare Worte zur Schuldfrage:

„Der tiefliegende Schaden von Kirche und Theologie in Deutschland wurden durch diesen Krieg deutlich sichtbar. Sie versagten im Hinblick auf die im Wort Gottes gegründete Aufgabe, zu Frieden und Versöhnung oder auch nur zur Gewaltbegrenzung beizutragen und sich zu Anwälten der Menschlichkeit und des Lebens zu machen. Ihr Glaube an den liebenden und versöhnenden Gott, ihre Verbundenheit im einen Leib Christi mit anderen Kirchen und die Universalität ihres Glaubens hat sie 1914 nicht vor Kriegsbegeisterung und -propaganda bewahrt, noch vor der Rechtfertigung nationaler Kriegsziele bis zum Ende. So konnten sie nach Kriegsende auch nicht zur Versöhnungskraft werden und sich 1933 nicht dem Gift des wieder aufkommenden Nationalismus entziehen. Zu sehr dem nationalistischen Zeitgeist verhaftet war ihre Theologie und zu schwach war ihr ökumenisches Bewusstsein. Dies gilt in besonderer Weise für den deutschen Protestantismus – jedenfalls in seiner Mehrheit: Die wenigen Mahner aus seinen Reihen wurden mundtot gemacht. Dieses Versagen und diese Schuld erfüllen uns heute mit tiefer Scham….“ (https://www.ekd.de/wort_des_rates_zum_ersten_weltkrieg.htm)

Weder die Scham noch das Eingestehen von Schuld derer die die Hof- und Garnisonkirche als ihre Heimstätte betrachteten, ist im „Ruf von Potsdam“ oder in einer anderen Niederschrift der SGP, des Kuratoriums oder des Fördervereins erfahrbar.

Von Garnisons- und Hofpredigern wie Johannes Kessler und Walter Richter wurden Soldaten in die Kriege geschickt: „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand ans Schwert!“…“Was kümmern uns die Hügel unserer Leichen – das ist Herrengeist, … der deutsche Adler fliegt frei im Licht der eigenen Sonne.“ Bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts stilisiertes sie die Deutschen als das von Gott auserwählte Volk, welches seine Männer in den Krieg schickt, um Heil über die Welt zu bringen. Auf diesen Nährboden ließen sich später gut Herrengeist und Herrenrasse begründen.

Der Rat der EKD reflektierte 2014, dass die evangelische Kirche in Deutschland nach 1945 Schritte auf einem langen Weg der Veränderung ging. Die evangelische Kirche „… ist zu einem lebendigen Mitglied der weltweiten und der europäischen Ökumene geworden und tritt aktiv für humanitäre Prinzipien und Anliegen ein.“

Wozu dann noch eine neue Kirche bauen, wenn der Versöhnungsgedanke längst ein deutscher und europäischer ist? Warum das Gewand der Täter wählen, wenn die Funktion eine der Opfer sein soll? Mit wem will sich die SGP über die europäische Ökumene hinaus noch versöhnen, außer mit der eigenen Geschichte? Welchen Gewalttaten und Kriegsopfern will dieses Projekt gedenken? Wiedermal allen zugleich? Den Tätern und den Opfern? Das wäre Verhöhnung und nicht Versöhnung!

 

 

 

 

 

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