Tag von Potsdam – Teil 2 – Beginn der Vernunft?

Anlässlich des „Jahrestages“ des Tages von Potsdam fand bereits am 18.03.2019 in der Nikolaikirche eine Gedenkveranstaltung statt. Oberbürgermeister Mike Schubert sprach sich für eine aktivere Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte von Potsdam aus. „Wer aus der Geschichte lernen will, der muss sich mit ihr auseinandersetzen.“ Nur so lasse sich der Verlauf der Geschichte beeinflussen, das sei die „größte Lehre aus der Tragödie zwischen 1933 und 1945“.

O-Ton Schubert: „Angesichts eines gegenwärtigen politischen Rechtsrucks, verbunden mit verstärktem Antisemitismus, wird aus der Lehre eine Mahnung.“ Laut OB braucht es für diese Auseinandersetzung „Orte des Gedenkens, des Innehaltens, aber auch der Dokumentation und Erforschung“.

Schubert kann damit nicht die Garnisonkirche meinen. Denn diese ist Teil der Tragödie! Der OB mahnt einen gesamtstädtischen und nicht nur innerkirchlichen Ansatz an! RICHTIG! Dies fordern die BI Potsdam ohne Garnisonkirche, der Förderverein für antimilitaristische Traditionen in der Stadt Potsdam, der Landesverband Brandenburg des VVN-BdA, also der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der
Antifaschistinnen und Antifaschisten, sowie die Martin-Niemöller-Stiftung und viele Bürger*innen dieser Stadt schon seit vielen Jahren! 85 Prozent der Stadtbevölkerung ist konfessionslos!

Leider prallte diese Debatte am alten OB Jakobs wie Regentropfen an einem Ostfriesennerz ab. Gut, dass Schubert dies fordert. Gut, dass Schubert nicht zu Kuratoriumssitzungen der Stiftung Garnisonkirche geht. Gut, dass Schubert … . Mehr Gutes gibt es (noch) nicht.

Schlecht, dass Schubert am alten B-Plan 1 festhält und somit auch noch Platz für das unnötige Kirchenschiff schaffen will. Schade, dass Schubert die Initiativen für einen RechenzenTurm nicht aufgreift. Schade auch, dass Schubert den Ort der ehemaligen Garnisonkirche nicht als zentralen Ort des Gedenkens – des gesamtstädtischen Gedenkens, der Mahnung und Aufklärung – betrachtet! Das ist schlecht, da die kitschige Kopie des Turms den Ort verbaut.

Die Stadt München und ihre Politiker*innen (die nicht im Verdacht stehen, Linke, Kommunisten oder DDR-Nostalgiker zu sein) machten uns vor, wie dieser Ort und das inhaltliche Gedenken aussehen könnten. München hat ein NS-Dokumentationszentrum! Sogar ein sehr gutes. München war „die Geburtsstätte der Bewegung“ und beherbergte die NSDAP-Parteizentrale, das „braune Haus“. Dieses wurde durch Bomben im Krieg getroffen.  Seine Ruine wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit geplündert und 1947 abgerissen. Das Grundstück blieb bis 2012 unbebaut.

Während sich die Landeshauptstadt München 2001 in einem Grundsatzbeschluss entschied, ein NS-Dokumentationszentrum genau an dem Ort aufzubauen, der am stärksten „belastet“ war, wurde in Potsdam weiter an der Unsichtbar-Machung deutscher Geschichte gearbeitet. Mit dem „Ruf von Potsdam“ wurde diese Geschichtsrevision, mit Unterstützung des ehemaligen Oberbürgermeisters Platzeck, auch noch „hoffähig“ gemacht.

Wer, wie Schubert, den Zusammenhang vom 21. März 1933, dem „Tag von Potsdam“ und dem Bombenangriff auf Potsdam, der „Nacht von Potsdam“ am 14. April 1945 erkennt und benennt, kann doch nicht ernsthaft an der Errichtung der „ersten Soldatenkirche der Wehrmacht“ interessiert sein. Die Garnisonkirche als militaristische und demokratiefeindliche Trutzburg war nicht zufällig Ort der Machtübergabe. Der dort jahrzehntelang propagierte Nationalismus und Krieg schlug schließlich auf die Kirche und die Stadt zurück.

Der selbst in der kirchlichen Gemeinschaft umstrittene Ansatz, einen weiteren Ort der Versöhnung und des Friedens (denn das sind hoffentlich alle Kirchen der Stadt) in der alten, belasteten Hülle der absolutistischen Macht (und Verstrickung von Thron und Altar) zu errichten, kann nicht die Antwort auf die gesamtgesellschaftlich gestellte Frage sein!

Potsdam braucht mehr als nur eine temporäre Ausstellung im Potsdam Museum zur NS-Zeit. Potsdam braucht keinen falsch interpretierbaren Symbolort der neuen und alten Rechten als Wahrzeichen der Stadt.

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