Kein Garnisonkirchen-Glockenspiel zum Gedenken

Die BÜRGERINITIATIVE FÜR EIN POTSDAM OHNE GARNISONKIRCHE hat dem Oberbürgermeister einen Brief geschrieben. Diesen möchten wir hier publizieren. Anlass ist das Gedenken an die Bombardierung Potsdams in der Nacht vom 14./15. April 1945 – „die Nacht von Potsdam“.  Die Forderung ist eindeutig und einleuchtend: Kein Garnisonkirchen-Glockenspiel zum Gedenken an die Bombardierung Potsdams!


Sehr geehrter Herr Schubert,

für den 14. April plant die Stadt Potsdam eine Veranstaltung zum Jahrestag der Bombardierung Potsdams durch die britische Luftwaffe. Um 22:16 Uhr sollen „in Erinnerung an das Ertönen des Fliegeralarms die Glocken Potsdamer Kirchen läuten.“

Die BÜRGERINITIATIVE FÜR EIN POTSDAM OHNE GARNISONKIRCHE fordert die Stadt Potsdam auf, das Läuten des Glockenspiels auf der Plantage nicht nur von der Veranstaltung auszuschließen, sondern am 14. und 15. April komplett zu unterbinden.

Wer der Opfer des Bombardements in Potsdam gedenken will, muss die deutsche Kriegsschuld hervorheben, die dazu geführt hat. Potsdam wurde bombardiert, weil „dort das deutsche  Oberkommando sich niedergelassen hatte und von Potsdam aus die Gesamtverteidigung Zentraldeutschlands leitete.“ (Mitteilung der Royal Air Force vom 15.4.1945).

Heute wird in Potsdam gerade im Kontext der Garnisonkirche hingegen oft eine vermeintliche Opferrolle betont. Schon der erste Satz im „Ruf aus Potsdam“ stilisiert die Militärkirche zum hilflosen Opfer eines sinnlosen Bombenangriffs, ohne die jahrhundertelange Kriegsverherrlichung an diesem Ort als Nährboden für deutsche Angriffskriege zu benennen.

Dieses Glockenspiel steht in mehrfacher Hinsicht im Widerspruch zu einem angemessenen Gedenken. Zum gleichen Jahrestag wurde es der Stadt Potsdam 1991 von dem rechtsradikalen Ex-Bundeswehroffizier Max Klaar übergeben. Eingraviert sind Namen der Kaiserfamilie und altpreußischer Gardetruppen. Von sieben Glocken mussten Widmungen für die ehemaligen deutschen Ostgebiete entfernt werden. Eine Inschrift für den rechtsnationalen Soldatenbund „Kyffhäuser“ durfte sogar bleiben. Seitdem wird im 30-Minuten-Takt die preußische „Tugend“ des blinden Gehorsams bis zum letzten Tropfen Blut gepriesen: „Üb‘ immer Treu‘ und Redlichkeit bis an dein kühles Grab“ erschien einst Propagandaminister Josef Goebbels als geeignetes Pausenzeichen für den Großdeutschen Rundfunk, der bis zum Kriegsende in die Schützengräben übertragen wurde. Diese Melodie hat gerade an diesem ihre Unschuld verloren und gehört nicht in ein Potsdam, das verantwortlich mit seiner Geschichte umgeht.

Wir wenden uns gegen die Verharmlosung des preußischen Militarismus, gegen den Geschichtsrevisionismus dieser Selbstmitleidskultur und gegen eine „Versöhnung“ mit den Tätern. Wir lehnen ein „Gedenken“ ab, das nicht einmal zwischen Kriegsteilnehmern und Zwangsarbeitern unter den Opfern des Bombardements unterscheidet. Wir fordern eine schonungslos selbstreflektierte städtische Gedenkkultur anstatt der privatisierten Geschichtsklitterung, wie sie die Stiftung Garnisonkirche betreibt.

Keine Versöhnung mit Potsdams militärischer Tradition! Kein Gedenken ohne Täterbewusstsein!

Mit freundlichen Grüßen,
die BÜRGERINITIATIVE FÜR EIN POTSDAM OHNE GARNISONKIRCHE

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