Albrechts Architektur-Euthanasie – ein Kreuzzug

Der Architekt Thomas Albrecht weiß was schön ist und was nicht – zumindest glaubt er dies.  Dieser Glauben basiert auf Gott und sich selbst. Die MAZ hat ihn zur Garnisonkirche interviewt.

„Schön“ ist eine stark individuell geprägte Kategorie der Bewertung von Wahrgenommenem. Diese Reflektion ist aber verankert in gesellschaftlich geprägten Wertvorstellungen. Religiöse Konventionen sind ein Aspekt  dieser Wertematrix. Wenn sich also ein katholisch geprägter Architekt äußert, sollte es niemanden verwundern, wenn eher ein antiquiertes, herrschaftliches und patriarchisches Weltbild als Maßstab der Bewertung zum Vorschein kommt. Überraschend ist lediglich, dass sich Albrecht offen zur Gebäudevernichtung – also der „Architektur-Euthanasie“ bekennt und gar nicht wahrnimmt (oder wahrnehmen will), wie sehr er dabei ideologisch und egomanisch geprägt ist.

Der Architekt Albrecht sagte im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der Turmkopie der Macht- und Militärkirche und der Re-Barockisierung der Potsdamer Innenstadt „Die Menschheit erhält nur schöne Gebäude.“ und „Ich glaube, dass die Schönheit über der Ideologie steht.“

In beiden Sätzen wird ein universelles Schönheitsbild beschworen, welches soziale, ökonomische und ökologische Aspekte der „Menschheit“ völlig außer Acht lässt. Ungeachtet dieser Weltfremdheit in Bezug auf das Thema Bauen und Funktionalität von Bauten, gibt es auch einen Freibrief für den Abriss von „unschönen“ Gebäuden. Und dies nicht nur im Rahmen eines  zyklischen Erneuerungsprozesses, sondern der – gesellschaftlich getriebenen – Vernichtung von Gebäuden; der Euthanasie.

O-Ton Albrecht: „Und wenn ein Gebäude nicht wirklich gut ist, wird es auf die Dauer abgerissen.“ … „Auch der Palast der Republik wäre nicht abgerissen worden, wenn er exzellent gewesen wäre.“ … „Und das Rechenzentrum hat keine wirklichen Qualitäten. Genauso wenig wie die abgerissene Fachhochschule. Auch die war einfach nicht gut.“

Und wer bewertet Derartiges? Die Menschen, die in der Stadt leben und diese Gebäude nutzen oder eine Clique von Architektur-Chauvinisten und deren Geldgeber?

Die angebliche „architektonische Qualität“ wird durch Albrecht in doppelter Hinsicht missbraucht. Einmal als ideologische Diskreditierung der Vergangenheit hinsichtlich der Nutzerinnen der Gebäude und zur eigenen Selbstrechtfertigung und Selbstdarstellung. Denn Albrecht baute nicht nur das Museum Barberini in Potsdam, sondern auch das Humboldtforum (Stadtschlossattrappe) in Berlin. Ähnlich wie beim Rechenzentrum musste auch der Palast der Republik entsprechend „entwertet“ werden. Die Fraktion der Befürworter eines Abrisses sah darin die Chance zur Wiederherstellung der historischen Mitte Berlins. „Ein Verlust des Palastes wurde unter Verweis auf Kostenaufwand, Architekturqualität und einem nicht geklärten Nachnutzungskonzept als hinnehmbar angesehen.“ Das heißt, wer das Stadtschloss bauen wollte, musste den Palast abreißen oder dem Abriss das Wort führen. Der Palast musste deshalb weichen, weil er ein ideologisch geprägtes Symbol darstellte und die Volkskammer beherbergte und nicht wegen mangelnder Qualität.

Dem Bau des Palastes der Republik lag das Konzept eines Volksheimes oder Volkshauses zugrunde, welches von der sozialistischen Arbeiterbewegung verfochten und etwa in Belgien, Frankreich (Centre Georges Pompidou), den Niederlanden oder Schweden (Kulturhuset in Stockholm) zu umfangreichen Bauten führte. Dieser Volkshäuser entstanden auch, um der Kommerzialisierung der Innenstädte entgegen zu wirken und breiten Schichten der Bevölkerung Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen. Die Funktionalität und Verwandlungsfähigkeit des „Großen Saales“ im Palast war herausragend und ist heute selten zu finden. Er hatte die Form eines symmetrischen Sechsecks. Hubeinrichtungen ermöglichten verschiedene Höhen der Bühne für verschiedene Kongress- oder Konzertzwecke. Die Aktionsfläche war somit von 170 bis 1000 m² wandelbar. Sechs schwenkbare Parkettteile, absenkbare Deckenplafonds und flexible Trennwände ermöglichten eine äußerst variable Einrichtung und Bestuhlungen zwischen etwa 1000 und 4500 Plätzen.

Die Tilgung des Sozialistischen und die Re-Barockisierung der Innenstädte sind natürlich Ausdruck der ideologischen Wandlungsprozesse in der Gesellschaft. Oft genug wurde darüber schon geschrieben. Die Bevormundung der Menschen, die im Osten sozialisiert wurden durch Westdeutsche und die Imitat-Bebauung in der Innenstadt in Frankfurt/Main mit dem Krönungsweg, sind nur zwei Beispiele dafür.

Auch Albrecht agiert ideologisch. Einerseits versucht er die Schwarze-Peter-Karte der Ideologie zu spielen, indem er das Rechenzentrum als ideologisch geprägtes Bauwerk charakterisiert und somit versucht, es selbst und dessen Befürworterinnen als „ideologisch verblendet“ zu diffamieren. Gleichzeitig möchte er als neutraler Fachmann dastehen. Anderseits versucht er ein extrem ideologisch geprägtes Gebäude – eine Kirche – als funktionslos und nur schön darzustellen.

Mit einhergehen dabei die Verklärung von Geschichte und die Verweigerung der gesellschaftlichen Debatte. Zwei Beispiele:

  1. „Die Garnisonkirche war eine Art räumlicher und spiritueller Gegenpol zum Schloss.“ Die Garnisonkirche war nie spiritueller oder religiöser Gegenpol, sondern Bestandteil des Hofes und des Machtapparates. Speziell Friedrich der Große hielt Religion lediglich für ein Mittel zur Aufrechterhaltung von Moral und Ordnung bezüglich der Massen. Für sich selbst lehnte er religiöse Zeremonien als unsinnig ab.
  2. „Ich habe noch nie eine kritische Stimme über den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden gehört. Und das ist ja vergleichbar.“ Ist es eben nicht! Ebenso wenig wie „Dennoch hat die Garnisonkirche in Potsdam eine überragende Stellung, genau wie Notre-Dame in Paris.“ Beide Bezüge sind falsch und im Fall Frauenkirche mehrfach widerlegt. Natürlich gibt es kritische Stimmen zur Frauenkirche in Dresden. Nur hören kann Mann sie nur, wenn Mann zuhört und nicht andere Meinungen nur abprallen lässt.

Ideologie bedeutet eigentlich „Ideenlehre“ und steht im weiteren Sinne bildungssprachlich für Weltanschauung. In der amerikanischen Wissenssoziologie wird jedes System von Normen als Ideologie bezeichnet, das Gruppen zur Rechtfertigung und Bewertung eigener und fremder Handlungen verwenden. Es gibt verschiedene politische Ideologien ebenso wie religiöse Ideologien. Der wesentliche Unterschied zwischen religiösen und politischen Weltanschauungen ist der, dass religiöse Ideologien die Verantwortung für alles Geschehene auf einen oder mehrere Götter schieben, während politische Ideologien Eigenverantwortung kennen und daraus ihren Gestaltungsanspruch ableiten.

Geldgeber wie Günther Jauch und Architekten wie Thomas Albrecht, die in Bayern sozialisiert wurden und „fromme“ Katholiken sind, haben eine wertkonservative Weltanschauung, in der die Kirche als wesentliches und vor allem bestimmendes Macht- und Sozialisierungsinstrument agiert. Sie sehen keinen Frevel darin, dass ihre Kirche in den letzten 2000 Jahren von einer verfolgten Minderheit zu einem globalen Machtmonster geworden ist. Mit dem Ergebnis: 2000 Jahre Missionarisierung und Bevormundung (besonders von Frauen). Kreuzzügen, Hexenverbrennung, Ablasshandel usw. inklusive. Die Zerstörung von Kulturen inbegriffen, besonders in Afrika und Amerika, aber auch in Europa z.B. Lappland. Dies ging einher mit der Überbauung der alten religiösen Kultstätten mit Kirchen. Und immer größer wurden die in den Himmel ragenden Macht- und Prunkbauten der religiösen Ideologisierung; die Kathedralen und Domkirchen.

Die egoistische Weltsicht Albrechts, Jauchs u.a. wird zum Maß der Gesellschaft gemacht und sogar zu der der Menschheit. Denn die Menschheit wird die schönen Kirchen erhalten. Das sind Botschaft und Wunsch Albrechts. Und um sie zu erhalten, müssen wir sie wieder errichten. Und vor allem sollen wir uns nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen, sondern mit der Schönheit. Vor allem mit der Schönheit, die uns die Albrechts und Jauchs schaffen. Wir sollen sie bewundern. Die Egomanie Albrechts wird auch dadurch deutlich, dass die Schönheit eines Gebäudes seiner Meinung nach vom Schöpfer abhängt. Er sagt: „Wenn es ein wirklich exzellentes Gebäude wäre, sagen wir mal von Mies van der Rohe, dann wäre das sehr, sehr viel schwieriger geworden … (…es abzureißen).“ Es geht ihm also gar nicht um Schönheit, sondern um Eitelkeit. Ein Gebäude braucht also einen „Markennamen“, so wie sich Albrecht & Co auch verstehen. Auch solche Denkkategorien sind eine Form der Sektion und langfristig der Selektion.

Albrecht erwähnt Mies van der Rohe nicht etwa deshalb, weil dieser nur tolle Sachen bauen ließ, sondern weil er bei „bei einem wichtigen Mitarbeiter von Mies van der Rohe in Chicago studiert“ hat. Er möchte sich damit einreihen in die Reihe derer, die „exzellente Gebäude“ schaffen und auch so als Architekt wahrgenommen werden. Ludwig Mies van der Rohe hat nicht nur das Haus Riehl in Babelsberg errichtet (sein Erstlingswerk), sondern auch das Revolutionsdenkmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Friedrichshain und das Martin Luther King Jr. Memorial Library in Washington D.C. Es wurde 1972 errichtet und vor einigen Jahren als Baudenkmal in das National Register of Historic Places aufgenommen. Die ehemalige Fachhochschule in Potsdam entsprach baulich genau diesem Vorbild.

Aber Derartiges interessiert im ideologischen Architekturkampf nicht. Der alte Spruch „ist das Kunst, oder kann das weg?“ bekommt in Potsdam neue Facetten. Weg kann es immer dann, wenn es den Werten des „barocken“ Bürgertums nicht gefällt oder wenn daraus kein eigenes Kapital geschlagen werden kann (wie beim Minsk). In den ersten Jahren nach der Expansion der Bundesrepublik gen Osten (also zw. 1990-2000) gab es oft den Begriff der „Siegerjustiz“. Darunter wurde damals schon vieles gefasst, was nicht sachlich, sondern nur ideologisch oder als rein bevormundend zu erklären war. Die Architektur-Euthanasie, die auf der Weltanschauung von Architekten wie Thomas Albrecht und Ludger Brands oder Meinungsmachern wir Günther Jauch basieren, ist nur eine neuere Facette dieses Kulturkampfes.

Ich empfinde es als extrem arrogant, wenn ein Architekt, die Arbeit eines anderen Architekten als „einfach nicht gut“ bezeichnet und dies nicht als seine persönliche Ansicht, sondern als absolute Aussage darstellt. Das ist der Unterschied zwischen kritischer Meinungsäußerung und ideologischer Meinungsmache im Rahmen eines Kreuzzuges gen Osten.

 

 

 

Nachtrag/Begriffsklärung:

Im antiken Griechenland – wie auch in anderen Kulturen – wurde zwischen zwei Arten des Todes unterschieden: einem Tod, der „an der Zeit“ ist, und einem vorzeitigen Tod (Thanatos), der die Menschen aus dem Leben reißt. Der Begriff der „Euthanasie“ bezog sich ursprünglich auf den „thanatos“-Tod, also den herbeigeführten Tod. In den Niederlanden wird Euthanasie im Zusammenhang mit dem „angenehmen Tod“ i.S.v. „Sterbehilfe“ verwendet. In Deutschland ist der Begriff stark mit der willentlich-boshafte, systematischen Tötung von Menschen, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus (zum Zwecke der Rassenhygiene/Eugenik) verbunden.

Das Interview mit Albrecht ist nachzulesen unter: http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Der-Architekt-des-umstrittenen-Wiederaufbaus-der-Potsdamer-Garnisonkirche-ueber-Anfeindungen-Versoehnung-und-Notre-Dame

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