Oswalt, Vogel und wir

Rede, Gegenrede und Analyse der Antworten von Martin Vogel rund um die GK

Wird mit der Garnisonkirche in Potsdam ein Identifikationsort für Rechtsradikale wiederaufgebaut? So hat es der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt im Monopol-Interview ausgedrückt. Dann widersprach Martin Vogel, theologischer Vorstand der Stiftung Garnisonkirche Potsdam und wir analysieren dessen widersprüchliche Antworten.

Die Fragen stellte Saskia Trebing (ST) vom Monopol-Magazin. Martin Vogel (MV) antwortet und S4a sind wir: eine Redaktionsgruppe von Stadt-für-alle.

16 Fragen, 16 Antworten, 16 Analysen und ein Problem, der Wiederaufbau eines Symbols.

ST 1: Herr Vogel, in Ihren Worten: Warum braucht Potsdam die wiederaufgebaute Garnisonkirche?

MV: Es geht um den Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche, der Teil des berühmten Potsdamer Dreikirchenblicks war. Für ihn haben wir ein Nutzungskonzept erarbeitet, das dem Gedanken der Konversion verpflichtet ist: Schwerter zu Pflugscharen. Kritische Erinnerungsarbeit, Bereitschaft zur Verantwortung in der Demokratie und Engagement für Versöhnung und Frieden – das sind die drei Eckpfeiler.

S4a: Es geht nicht nur um den Turm! Der Stiftungszweck ist der Wiederaufbau der gesamten Kirche. Auch die Satzung der Fördergesellschaft und der „Ruf aus Potsdam“ verdeutlichen dies.

Der Drei-Kirchen-Blick bestand lediglich60 Jahre und war gekennzeichnet durch drei schlanke Kirchtürme. 1735 wurde die letzte der drei Kirchen fertig und 1795 brannte die erste der drei ab. 1796 wurde diese abgetragen. Niemand mehr kennt diesen Anblick wirklich. Mit der klassizistischen Kuppel der Nikolaikirche und der Heilig-Geist-Silhouette ist dieser Drei-Kirchen-Blick ohnehin nicht wiederherstellbar. Warum die immer wieder beschworene Erinnerungsarbeit überhaupt in einem teuren Nostalgiebau stattfinden muss, kann die Stiftung bis heute nicht schlüssig begründen.

Während die inhaltliche Arbeit chronisch unterfinanziert ist, beansprucht der Bau Millionen, die für die inhaltliche Arbeit eingesetzt werden könnten. Solange das Nutzungskonzept der äußeren Gestalt klar untergeordnet ist, besitzt die Betonung der „kritischen Erinnerungsarbeit“ keine Glaubwürdigkeit.

Die Verklärung des Baus als Sehenswürdigkeit steht mit einer kritischen Auseinandersetzung eher im Widerspruch. Es gibt ein Raumnutzungs- und -gestaltungskonzept, aber kein inhaltliches Konzept. Dieses soll durch eine handverlesene Historikerkommission erst erarbeitet werden, die den Austausch mit Kritiker*innen bisher ebenso verweigert wie die Stiftung selbst. „Schwerter zu Pflugscharen“ taucht nicht einmal ansatzweise im bisherigen Konzept von 2005 auf. In der Stadt Potsdam bemüht sich die Stiftung weder um Versöhnung noch Frieden in Sachen Garnisonkirche. Demokratische Entscheidungen werden verantwortungslos verdreht (s.a. Fragen 11, 12).

ST 2: Die Kirche wurde vom „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I gebaut, sie steht also für eine autoritäre Herrschaft, die das Militär glorifiziert. In ihr wurde die Kolonialherrschaft verherrlicht, und Hitler hat sie am „Tag von Potsdam“ als Ort gewählt, um seine Herrschaft als Fortführung der preußischen Tradition zu inszenieren. Ist das wirklich die Art von Symbol, die wir gerade brauchen?

MV: Die Form, in der Sie den Ort einordnen, ist für mich eine Bestätigung dafür, dass wir diese Kirche als exponierten Lernort brauchen. Ich bezweifle, dass wir heute bessere Menschen sind als unsere Vorfahren. Insofern sind wir immer wieder ideologieanfällig. Deshalb möchten wir alle Traditionen, Wandlungen und Brüche an diesem Ort aufarbeiten und uns mit ihnen kritisch auseinandersetzen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber es ergibt absolut Sinn, diese Helden- und Versagensgeschichten weiter zu erzählen, weil man aus ihnen lernen kann.

S4a: Schon im ersten Satz macht Vogel klar, dass er „diese Kirche“ bauen will und widerspricht seiner eigenen Antwort auf die 1. Frage.

Wenn wir keine „besseren Menschen“ geworden sind, sollten wir nicht dann erst Recht eine andere Form finden und nicht ein glorifiziertes Symbol errichten? Wäre es nicht sinnvoller „diese Helden- und Versagensgeschichten“ in einem Gebäude zu erzählen, welches auch sichtbar aus den „Traditionen, Wandlungen und Brüchen“ gelernt hat und dessen Räumlichkeiten sich außerdem viel besser eignen für einen Lernort? Dass Herr Vogel ganz selbstverständlich auch von „Heldengeschichten“ spricht (welche meint er?), verdeutlicht das Bedürfnis der Stiftung, immer wieder (vermeintlich) positive Aspekte der Garnisonkirche zu betonen und negative herunterzuspielen. Ähnlich argumentierte Ex-Bischof Wolfgang Huber in Interviews, in dem er sich über die „Tabuisierung“ der Garnisonkirche aufgrund des „Tags von Potsdam“ beschwert. Solche Relativierungen sind klassische rechte Narrative.

ST 3: Es geht ja nicht um einen bereits vorhandenen Ort, mit dem man umgehen muss. Wenn man so hart gegen das ankämpfen muss, was diese Kirche symbolisiert, warum dann überhaupt wieder aufbauen?

MV: Da, wo nichts ist, kann man sich nicht erinnern und keine Fragen stellen. Außerdem wurde die Sprengung des Turms der Garnisonkirche 1968 nach einem Besuch von Walter Ulbricht in Potsdam in einem stalinistischen und antidemokratischen Verfahren durchgesetzt, obwohl die Junge Gemeinde im Turm der Kirche einen Neuanfang gestartet hatte und diesen leben wollte. Wir sagen: weder Adolf Hitler, noch Walter Ulbricht dürfen Recht behalten.

S4a: Hier wird ein falsches Dilemma postuliert: Der Turm oder gar nichts. Diese suggerierte Alternativlosigkeit mag der Stiftungssatzung entsprechen, jedoch nicht der Realität. Eine glaubwürdige Begründung für die Notwendigkeit des Turms bleibt weiterhin aus. Selbstverständlich könnten Menschen in einem neuen, modernen ggf. multimedial ausgestatten Gebäude erinnern, Fragen stellen und sogar wissenschaftlich fundierte Antworten bekommen.

Zu diesen historischen Fakten gehört, dass Walter Ulbricht nichts mit der Entscheidung zu tun hat. An dem angeblich „stalinistischen und antidemokratischen Verfahren“ war die evangelische Kirche selbst beteiligt. Sie verzichtete auf die Garnisonkirche zu Gunsten des Wiederaufbaus der Nikolaikirche, den die DDR übrigens staatlich förderte und vorantrieb, wie auch bei anderen Kunst- und Baudenkmälern. Die Heilig-Kreuz-Gemeinde, die nicht mehr Garnisonkirchen-Gemeinde heißen wollte, bekam ein neues Gemeindezentrum, ganz dem Trend der Zeit entsprechend, und wurde entschädigt. Diese Gemeinde hat sich auch gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche ausgesprochen. Dafür wurde sie 2019 aufgelöst.

Herr Vogel beschwört erneut die Opferrolle der Kirche. Dabei scheut er nicht davor zurück, Ulbricht und Hitler gleichzusetzen und damit die Nazidiktatur zu verharmlosen.

ST 4: Wobei die Kirche zu der Zeit nur noch eine Ruine war und es auch bereits vor Ulbrichts Besuch Pläne zum Abriss der Kirchenreste gab.

MV: Sie war wiederaufbaufähig. Die Pläne lagen bereit. 1968 ist eine intakte und gewidmete Kapelle beseitigt worden. Es ging im Jahr des Prager Frühlings um brachiale Einschüchterung. Die Kapelle im Turm war ein Nukleus des Neuanfangs und der Umkehr. Man träumte von einer Musikkirche. Doch Träume waren unerwünscht. Wenige Wochen vorher wurden die völlig intakte Universitätskirche in Leipzig und kurz darauf die Rostocker Christuskirche gesprengt. Die SED wollte das sozialistische Stadtbild und das entsprechende Menschenbild durchsetzen.

S4a: Von einer baulich intakten Kapelle konnte 1968 keine Rede sein. Und eine kleine Kapelle ist längst nicht die ganze Kirche. Das Schiff war nicht mehr aufbaufähig. Kirchenabrisse gab es damals auch in West-Berlin und Hannover. Bis heute geschieht derartiges, da viele Kirchen leer stehen. Zum zeitgenössischen Kontext rund um die Sprengung der Garnisonkirche empfiehlt sich die Lektüre von Matthias Grünzigs Recherchewerk „Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“, das die Stiftung in der Nagelkreuzkapelle übrigens partout nicht auslegen will.

Allein die Tatsache, dass die neue Kirche „Garnisonkirche“ heißen soll und nicht etwa „Heilig-Kreuz-Kirche“, wie sie seit 1949 hieß, zeugt davon, dass die Befürworter NICHT an den selbstbeschworenen „Neuanfang und Umkehr“ anknüpfen wollen, sondern die damalige Gemeinde nur für die Opferrolle der Kirche instrumentalisieren.

ST 5: Die Initiative zum Wiederaufbau kam von einem rechtsnationalen, manche sagen rechtsextremen Bundeswehroffizier, Max Klaar. Kann man dieses Projekt vor dem Hintergrund einfach so weiterführen?

MV: Der Missbrauch verbietet nicht den richtigen Gebrauch. Es ist in der Tat so, dass ein Verein aus Iserlohn mit einem revanchistischen Geschichtsbild der Stadt Potsdam ein Glockenspiel geschenkt hat. Die westdeutsche Traditionsgemeinschaft hatte angeboten, Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche zu sammeln. Die evangelische Kirche beauftragte daraufhin im Jahr 2000 eine Arbeitsgruppe, um die Frage zu klären, wie wir als Christen mit dieser Situation umgehen sollen. Daraus ist ein Nutzungskonzept hervorgegangen, das sagt: wir möchten im Sinne der Konversion einen Ort des Friedens und der Versöhnung schaffen, wo früher eine Hof- und Militärkirche stand. Vom Land und von der Stadt haben wir positive Signale erhalten. Der besagten Traditionsgemeinschaft um Herrn Klaar haben wir verdeutlicht, dass wir den Ort als demokratischen Raum zurückgewinnen wollen. Zukünftig würde dort die Grundordnung unserer Kirche gelten und den Rahmen für die Nutzung setzen. Da ist ein großer Riss aufgegangen und die Traditionsgemeinschaft hat es abgelehnt, mit uns zu arbeiten. Insofern haben wir dafür gesorgt, dass das Projekt auf ordentliche Füße gestellt wurde.

S4a: „Missbrauch und richtiger Gebrauch“ sind eine Frage des Standpunktes. Wir halten das Vorgehen von Stiftung und Förderverein für unverantwortlich und falsch. Die Bemühung, sich von Klaar und Kameraden zu trennen ist löblich, geht aber nicht auf. Es sind diese alten und neuen rechten Kreise, die das Projekt im Netz feiern. Und solange die Stiftung die Spender*innen nicht veröffentlicht, bleibt der Verdacht, dass diese Kreise den Bau auch finanzieren. Dem Ergebnis der „Arbeitsgruppe“, dem Nutzungskonzept von 2001, hatte auch Max Klaar zugestimmt.

Dass zukünftig die „Grundordnung unserer Kirche gelten“ wird, ist nicht sauber formuliert. Der Nachbau ist im Besitz der Stiftung. Sie ist die Hausherrin, die evangelische Kirche ist lediglich „Gast“. Herr Vogels Sichtweise, das Projekt sei „auf ordentliche Füße gestellt“ worden, stimmen wir nicht zu. Wie Philipp Oswalt im vorangegangenen Interview konstatierte, ist die Trägerschaft des Projekts „in gewisser Weise ein reenactment dieses Schulterschlusses zwischen Kirche, Politik und Militär, die alle drei auch in der heutigen Stiftung Garnisonkirche Potsdam vertreten sind.“ Organisationen wie Aktion Sühnezeichen oder die Opferverbände werden hingegen nicht einbezogen.

ST 6: Inwiefern haben Sie sich öffentlich von den Initiatoren und deren Ideologie distanziert?

MV: Wir haben aus unserer Haltung kein Geheimnis gemacht. Wir sind auf keine der von Herrn Klaar gestellten inhaltlichen Forderungen eingegangen und haben nicht einen einzigen Euro von dem Geld angenommen, das der Verein gesammelt hat.

S4a: Auf mindestens eine Forderung Max Klaars ist die Stiftung eingegangen, nämlich, dass die preußische Wetterfahne den Turm zieren soll und nicht das Nagelkreuz. Damit handelt die Stiftung entgegen ihrer Absprache mit der Nagelkreuzgemeinschaft. Max Klaar hat sich übrigens erst 2015 endgültig von dem Projekt verabschiedet. Im selben Jahr lobte sein alter Jahrgangskamerad Burkhart Franck als Vorsitzender der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche die „beispiellosen organistorischen Leistungen der Wehrmacht.“ Bis heute sind immer wieder geschichtsrevisionistische Aussagen aus dem Umfeld der Garnisonkirche zu vernehmen.

Das Geld von Klaar (ca. 6 Mio. €) floss direkt an diverse Kirchen und Projekte in der Stadt bzw. deren Umgebung. Unmittelbar danach erklärten sich die Kirchenstrukturen auf Bundes-, Landes und Stadtebene bereit, das GK-Projekt mit 5 Mio. € zu finanzieren. Letztlich handelt es sich hierbei schlichtweg um eine Querfinanzierung. Da die Spender*innen geheim gehalten werden, ist eine finanzielle Distanzierung von rechten Kreisen für die Öffentlichkeit nicht prüfbar.

ST 7: Das Glockenspiel, das Herr Klaar übergeben hat, läutet aber immer noch in Potsdam. Es spielt unter anderem ein Lied, das Joseph Goebbels als Pausenzeichen des Reichsrundfunks ausgewählt hat.

MV: Das Glockenspiel gehört der Stadt Potsdam. Wir sehen nicht, dass die Glocken eines Tages auf dem Turm läuten werden. Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel hat sich aufgelöst. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Ziele der Gemeinschaft in Potsdam nicht erreichbar waren. Die evangelische Kirche hat die Stiftung Garnisonkirche Potsdam gegründet, das Grundstück erworben und den Bau des Turms auf den Weg gebracht. Das Kapitel der Traditionsgemeinschaft ist erledigt. Wir bauen einen Ort der Friedens- und Versöhnungsarbeit.

S4a: Der „Erwerbspreis“ des Grundstücks betrug lediglich 1 €. Das Grundstück wurde ursprünglich von der Treuhand der Stadt übertragen und hat dies, zu Zeiten des OB Platzeck, an die Stiftung für eine symbolischen Preis „verkauft.“

Warum beharrt die Stiftung auf den Namen Garnisonkirche und verweigert sich anderen Namensvorschlägen wie „Friedensturm“?

ST 8: Und mit dem Lied können Sie leben?

MV: Das für Potsdam berühmte holländische Carillon bestand aus 40 Glocken. Das Glockenspiel konnte manuell oder auch automatisch gespielt werden. Seit 1797 erklang zu jeder vollen Stunde die Melodie „Lobe den Herren“ und zu jeder halben Stunde das Lied „Üb immer Treu und Redlichkeit“. Gegen die Anregung, Gott zu loben, und stets ehrlich zu bleiben, empfinde ich keine innere Sperre. Wenn „Treue“ allerdings zum Kadavergehorsam uminterpretiert wird, dann ist das ein Missbrauch einer eigentlich guten Sache. Das ist völlig klar. Wir wissen im Übrigen auch, dass einzelne Personen die Glockentöne vom Turm der Garnisonkirche im Potsdamer Gefängnis in der Lindenstraße als inneren Rückhalt gehört und sich daran festgehalten haben. Das ging den von der Gestapo inhaftierten Christen der Bekennenden Kirche ebenso wie etwa Helga Scharf, die 1952 von der Stasi verhaftet worden war. Interessant ist übrigens auch, dass Prof. Dr. Otto Becker als Glockenist der Garnisonskirche an jedem Schabbat-Gottesdienst die Orgel in der Potsdamer Synagoge gespielt hat. Es tat dies bis zur Zerstörung des Gotteshauses in der Pogromnacht vom 9. November 1938.

S4a: Vogel verschweigt völlig, dass das Lied „Üb immer Treu und Redlichkeit“ ein durch und durch Gehorsam, Fleiß und Pflichterfüllung einforderndes und auch antisemitisches Lied ist. Natürlich diente es dazu, sich Kirche und König, sowie deren Moral- und Gehorsamsvorstellungen zu unterwerfen. Nicht umsonst wurde es von Josef Goebbels als Pausenzeichen ausgewählt.

Es war übrigens Fontane, der sich bitterlich bei Storm und anderen Freunden beklagte, dass dieser viertelstündige Lärm in dieser Stadt (gemeint war das Glockenspiel) nicht auszuhalten sei.

Mit dem Hinweis auf Otto Becker versucht Vogel erneut, der Garnisonkirche einen humanistischen Stempel aufzudrücken, als wäre die Bedeutung und Außenwirkung des Liedes an die persönliche Einstellung des damals tätigen Glockenisten gekoppelt. Dass Becker in der Synagoge spielte, relativiert nicht die Tatsache, dass in der Garnisonkirche stets antidemokratische, nationalistische und antisemitische Kräfte am Werk waren. Beispielsweise wurde Becker 1924 in der sogenannten „Glockenspielaffäre“ vom Gemeinderat zurückgepfiffen, als er eine sozialdemokratische Feierlichkeit mit entsprechenden Liedern begleiten wollte.

ST 9: Sie sprechen von Versöhnung. Wer soll sich denn eigentlich mit wem versöhnen?

MV: Das Gegenteil von Versöhnung ist Hass. Wenn ich in unsere Welt schaue, habe ich den Eindruck, dass wir zwingend mehr darüber nachdenken müssen, wie unversöhnte Gegensätze etwa zwischen Ökonomie und Ökologie, kriegerische Auseinandersetzungen und gesellschaftliche Konflikte gelöst werden können. Versöhnung meint nicht „Friede, Freude Eierkuchen“. Das englische Wort „reconciliation“ meint das Wiedereinberufen einer Beratungsrunde, um gemeinsame Lösungen zu finden.

S4a: Eine „Beratungsrunde“ sollte es auf Wunsch der Stadtpolitik auch zum Wiederaufbauprojekt geben. Diesen Bürgerdialog hat die Stiftung bereits im Frühjahr 2016 platzen lassen. Bis heute verweigert sie den öffentlichen Diskurs dazu.

Zum Versöhnungsbegriff empfiehlt sich eine Lektüre der verschiedenen Beiträge des jüdischen Wissenschaftlers Michael Daxner, der u.a. sagt: „Wer bietet also Versöhnung an? Die Stiftung. Sie schafft Fakten, indem sie baut, und dann soll sich wer womit versöhnen, an Christi statt? (…) Ich bestreite der Stiftung Garnisonkirche das Recht, Versöhnung irgendjemand anderem anzubieten außer sich selbst. (…) Versöhnung kann nicht angeboten werden. Sie muss ausgehandelt werden, im öffentlichen Raum und ohne Vorbedingungen. Wenn erst einmal das Kriegerdenkmal Garnisonkirche, einem seltsamen Gott geweiht, wieder steht, ist diese Bedingung unerfüllbar.“

ST 10: Kritiker sagen, dass der Begriff auch so verstanden werden kann, dass man sich mit der deutschen Geschichte versöhnt. Das sei an rechtes Gedankengut anschlussfähig.

MV: Sie können sich sicher sein, dass unser Anspruch „Geschichte erinnern – Verantwortung lernen – Versöhnung leben“ definitiv nicht so gemeint ist, dass wir die Zeit des Nationalsozialismus als Betriebsunfall abtun und damit unseren Frieden machen. Wir möchten an das furchtbare Versagen erinnern. Mit einer reflektierten pädagogischen Arbeit wollen wir insbesondere der jungen Generation Angebote vorhalten, die ihnen helfen sollen, einen eigenen Weg in die Zukunft zu verantworten.

S4a: Allein das krampfhafte Festhalten daran, dass die Garnisonkirche angeblich Hort des Widerstandes gewesen sei, da einige der Putschteilnehmer in der Vorjahren dort zur Militärkirche gingen, macht deutlich, dass es keine reflektierte pädagogische Arbeit gibt. Selbst Historiker, die dem Aufbauprojekt positiv gegenüberstehen, attestierten eine Instrumentalisierung des 20. Juli und warnen somit vor der Versöhnung mit der eigenen Geschichte.

Das aus dem Umfeld der Stiftung wiederholt der Handschlag von Hitler und Hindenburg als Fake, der nachgestellt wurde, oder als geschichtlich unbedeutend eingestuft wird, zeigt die Verkrampfung der Bemühungen um Erinnerung. Das Versagen der Kirche im Nationalsozialismus wurde bisher gar nicht thematisiert.

Währenddessen wird der Turm als harmlose Sehenswürdigkeit stilisiert, das alte Inventar wie heilige Reliquien behandelt. Taufbecken, Liedertafel und Kanzel wurden gestaltet vom Architekten Winfried Wendland, zu NS-Zeiten ein glühender Anhänger Adolf Hitlers, der als Referent für NS-Kulturpolitik preußische Kunsthochschulen von „entarteter“ Kunst „säuberte“. Die Entdeckung der Gegenstände auf dem verstaubten Dachboden der Heilig-Kreuz-Gemeinde war der Stiftung ganz selbstverständlich ein Anlass für eine feierliche Präsentation. Der Feldaltar, von dem aus zigtausende Soldaten die Absolution zum Töten erteilt wurde, steht unthematisiert in der Nagelkreuzkapelle. Anstatt kritischer Auseinandersetzung betreibt die Stiftung Verklärung und Romantisierung.

ST 11: 2014 wurden 16.000 Unterschriften gegen den Wiederaufbau der Kirche gesammelt, ein Bürgerbegehren wurde aber nicht abgehalten. Warum fragt man nicht einfach die Potsdamer Bürger?

MV: Unser Projekt wurde zum Spielball und im Kommunalwahlkampf missbraucht. Als das Bürgerbegehren in der ersten Stufe die notwendigen und teilweise mit zweifelhaften Methoden eingesammelten Unterschriften hatte, nahm die Stadtverordnetenversammlung das Thema auf und beauftragte den Oberbürgermeister der Stadt Potsdam alle rechtlichen Mittel zu nutzen, um die Stiftung Garnisonkirche aufzulösen. Er hat damit den absurden Auftrag des Bürgerbegehrens umgesetzt, obwohl es sich um eine vom Innenministerium genehmigte Stiftung handelt. Der Oberbürgermeister stellte den Antrag auf Auflösung der Stiftung in der nächsten Kuratoriumssitzung. Dass das Kuratorium nicht der eigenen Auflösung zustimmt, kann man sich ja vorstellen. Damit war das Bürgerbegehren, das keine Sternstunde der direkten Demokratie war, abgeräumt. Auch der Kommunalwahlkampf war dann vorbei.

S4a: Was an einer Unterschriftensammlung zweifelhaft sein soll, ist uns zweifelhaft. Eine solche Sammlung ist Teil der Demokratie. Der Wahlleiter hat die Listen geprüft und über 14.000 Unterschriften für gültig erklärt. Zweifelhaft sind die über 20.000 Unterzeichnungen der Befürworter*innen. Diese wurden weltweit in einem mehrjährigen Prozess gesammelt und unterliegen keinerlei Regeln und Prüfungen.

Einen Stadtverordnetenbeschluss oder das Bürgerbegehren als „absurd“ zu bezeichnen, steht jedem Bürger oder Theologen frei. Vom nötigen Respekt gegenüber demokratischen Entscheidungen zollt dies nicht. Der Beschluss gilt weiterhin.

Ganz vergessen wurde, dass der Vorschlag „Kein Geld für die Garnisonkirche“ im Bürgerhaushalt Jahr für Jahr einen Spitzenplatz belegt. Auch dies zeugt von der Ablehnung und Skepsis der Bürger*innen gegenüber dem Projekt und der Verflechtung mit der Politik. Während die Stiftung Versöhnung beschwört, verweigert sie jede Anerkennung dieser politischen Signale aus der Potsdamer Bevölkerung.

ST 12: Und zur Frage des Wiederaufbaus: Gibt es dafür eine Mehrheit?

MV: Was viele vergessen: 1990 hatte sich die Stadt Potsdam mit breiter Mehrheit für den Wiederaufbau der Garnisonkirche ausgesprochen. Das Thema interessiert und bewegt viele Menschen. Kontroversen können ja etwas Produktives bewirken, auch weil wir aufgefordert sind, fair miteinander zu streiten. In einer Umfrage der „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ hat sich eine deutliche Mehrheit erneut für den Wiederaufbau des Turms ausgesprochen. Aber nach zwei sehr unterschiedlichen Diktaturen ist mir etwas anderes wichtiger: Die unverhandelbaren Grundrechte unserer Verfassung garantieren unter anderem Minderheitenschutz, Meinungsfreiheit und das Recht auf freie Religionsausübung. Diese Grundrechte sollen unsere Gesellschaft davor bewahren, dass die Mehrheit eine Minderheit einfach an die Wand drücken kann.

S4a: Der „Beschluss“ von 1990 war eine Willensbekundung und ist faktisch durch den Beschluss zur Auflösung der Stiftung aufgehoben.

Die PNN-Umfrage war lediglich eine nicht repräsentative Umfrage in einer werbefinanzierten Postwurfbeilage.

Stadtspitze und Stiftung fürchten seit Jahren eine direkte Abstimmung der Bürger*innen zum Aufbauprojekt, obwohl dies mehrfach politisch eingefordert wurde.

Vogel hat Recht, die freie Religionsausübung es ist ein unverhandelbares Grundrecht. Es ist aber auch ein verfassungsgebundener Grundsatz, dass es eine Trennung von Staat und Kirche gibt und es nicht die Aufgabe des Staates ist, einen zusätzlichen Kirchenbau zu finanzieren. Es stecken mehr öffentliche Mittel im Projekt als private Spenden und kirchliche Zuwendungen zusammen. Niemand will die evangelische Kirche oder die 14 Prozent Christen dieser Stadt „an die Wand drücken.“ Erneut wird eine Opferrolle bemüht, die nicht zu Versöhnung und Frieden, sondern zur Polarisierung beiträgt. Diese Selbstinszenierung als machtlose Minderheit ist geradezu unverschämt im Anbetracht der Tatsache, dass hier ein solventer, einflussreicher Interessenclub über die Köpfe der Potsdamer Bevölkerung hinweg manipulativ seinen Willen durchsetzt.

ST 13: Für den weiteren Verlauf des Wiederaufbaus sind Sie auf Spenden angewiesen, sie müssen also Werbung machen. Müssen Sie da nicht die Botschaft vereinfachen und die Kontroversen um das Projekt glätten?

MV: Wir haben für die Reduzierung der Komplexität den Dreiklang „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben“ gewählt. Ich erlebe in zahlreichen Gesprächen positive Rückmeldungen und ein großes Interesse am Wiederaufbauprojekt. Die Nachdenklichkeit ist durchaus ein Motiv, aus dem heraus Menschen uns unterstützen.

S4a: Die Botschaft klingt nicht schlecht, nur glauben will sie scheinbar keiner. Die industriellen Großspender bleiben weg, weil sie nicht in die rechte Ecke gestellt werden wollen. Solange das Gerede vom Dreiklang nur dazu dient, die Hülle zu rechtfertigen, nutzt auch keine Vereinfachung der Botschaft. Diejenigen, denen der Inhalt egal ist und die die die Hülle haben wollen – egal als welches Symbol – die spenden auch.

Die Veranstaltungen in der Nagelkreuzkapelle werden lediglich von einer handvoll meist sehr alter Menschen besucht. Die Stadtgesellschaft hat daran kein Interesse. „Nach einer Übersicht der FWG engagieren sich nur 5 Prozent der Spender für den Wiederaufbau, weil sie eine Friedens- und Versöhnungsarbeit wollen.“ – (Potsdamer Spitze, Ausgabe 2015, S. 22)

ST 14: Es gibt eine Gedenkmünze mit der Garnisonkirche zur Unterstützung des Wiederaufbaus. Auch die Nazis haben den Bau auf Münzen gedruckt. Sehen Sie darin ein Problem?

AV: Die Staatliche Münze Berlin hat im Jahr 2005 aus Anlass des 270. Jahrestages der Fertigstellung der Potsdamer Hof- und Garnisonkirche im Jahr 1735 eine Gedenkmünze herausgegeben. Diese Münze wurde von der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau insbesondere für denjenigen Kreis angeboten, der gern Münzen sammelt, um Spenden für den Wiederaufbau einzuwerben.

S4a: Tradition hat seinen Preis und seine Form. Auch hier wird die alte Formsprache genutzt um an alte Ideale anzuknüpfen. Solange die Stiftung Garnisonkirche Fanartikel vertreibt, entlarvt sie ihr „Gedenkstättenkonzept“ als das, was es ist: Eine Marketingstrategie zur Fördermittel- und Spendengewinnung. Eine konsequente Anerkennung der düsteren Geschichte der Kirche schließt deren Romantisierung als Souvenirmotiv aus. Wenn die Stiftung es mit der Geschichte und der Verantwortung ernst meinen würde, also eine echte Gedenkstätte errichten würde, wäre diese ikonische Verehrung des Gebäudes, einschließlich des Turmbaus an sich, undenkbar.

ST 15: AfD-Politiker Björn Höcke hat eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert, dazu gehörten für ihn auch die Rekonstruktion von Schlössern und Kirchen, um „diesen neu entstandenen Fassaden einen neuen, würdigen Geist einzuhauchen“. In seiner „Dresdner Rede“ erwähnte er lobend das Potsdamer Projekt. Beunruhigt Sie das nicht?

MV: Solche Aussagen erschüttern mich. Aber die AfD hat gerade ein Papier unter dem Titel „Unheilige Allianz – der Pakt der evangelischen Kirche mit dem Zeitgeist und den Mächtigen“ herausgebracht, in dem sie darlegen, warum sie mit uns nichts zu tun haben wollen. Das macht mich geradezu dankbar. Wir dürfen den öffentlichen Raum nicht den denjenigen Kräften überlassen, die Hass schüren und gegen unsere Verfassung arbeiten.

S4a: Die AfD und deren Verbündete sind in den sozialen Netzwerken die Protagonisten des Wiederaufbaus. Auch die AfD in der Stadt Potsdam. Es gibt, anders als in anderen Parteien, nur Lob für das Vorhaben. Einer der Erstunterzeichner des „Ruf aus Potsdam“, dem „Manifest“ des Wiederaufbaus, war Alexander „Vogelschiss“ Gauland (heute Parteivorsitzender).

Aus dem Offenen Brief des AfD-Kreisverbandes Potsdam an die Stiftung Garnisonkirche Potsdam vom 4. Juni 2018: „Der Kreisverband Potsdam der Alternative für Deutschland freut sich über den begonnenen Tiefbau für das Fundament der neu zu errichtenden Hof- und Garnisonkirche. Wir setzen uns mit aller Kraft für weitere Spenden ein und unterstützen Sie auf Wunsch gerne mit unserem Netzwerk zahlreicher Förderinteressierter.“

In Anbetracht der aktuellen Ereignisse am Kyffhäuser stellt sich die Frage, ob nicht die Fahnenträger Höckes auch mal in der Breiten Straße aufmarschieren. Immerhin gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Fahnenweihen und faschistische Parteiveranstaltungen (DNVP, NSDAP) in der Garnisonkirche. Die preußischen Könige sahen sich als geistige, nationale Nachfolger Barbarossas (s. Kyffhäuser).

ST 16: Bei der Europawahl war die AfD in Brandenburg stärkste Partei, manche Umfragen sehen sie auch bei der Landtagswahl im Herbst vorn. Kann man wirklich verhindern, dass das Projekt gekapert wird – gerade weil die Garnisonkirche historisch ein rechter Identifikationsort ist?

MV: Die Kirche ist kein rechter Identifikationsort. Die Nazis haben in Europa eine Art Topografie des Terrors hinterlassen. In Potsdam entsteht nun langsam ein Ort, an dem wir uns in ein europäisches und weltweites Netzwerk hineinknüpfen. Es geht um eine Topografie des Friedens und der Versöhnung. Dafür ein Beispiel. Wir haben von unserer Baustelle aus vor einem Jahr dazu aufgerufen, gegen Antisemitismus aufzustehen. Es kamen viele Unterstützer. Unsere Pfarrerin hat den Demonstrationszug mit dem Slogan „Potsdam trägt Kippa“ gemeinsam mit Freunden aus den beiden Jüdischen Gemeinden angeführt. Und zur Europawahl: Wenn Sie die Ergebnisse anschauen, sehen sie auch, dass 80 Prozent der Wähler demokratisch gesinnte Parteien gewählt haben, aber natürlich bleibt die Beunruhigung angesichts der 20 Prozent AfD. Wir müssen uns fragen, was wir alle dazu beitragen können, dass unsere Demokratie nicht gekapert wird. Diese Aufgabe stellt sich überall – im Landtag, in den Sportvereinen – und eben auch in der evangelischen Kirche.

S4a: Selbstverständlich ist die Kirche, nämlich die Hof- und Garnisonkirche in Potsdam, DER rechte Identifikationsort. Mehr Nationalismus und Militarismus geht kaum. Die Antwort zu Frage 2 zeigt auch, dass Vogel dies weiß. Genau diese Symbolik ist ja angeblich Antrieb dafür, dass ein „Lernort“ geschaffen werden soll.

Nur wenn sich die Christen dessen bewusst sind, dann sollten sie nicht erst ein Symbol errichten, um es dann umzudeuten, sondern gleich ein bauliches Signal setzen. Dies kann ein unfertiger Turm sein, der Platz für einen neuen modernen Lernort lässt. München hat es mit seinem NS-Dokumentationszentrum vorgemacht.

Die Stiftung verstrickt sich immer wieder im selben opportunistischen Widerspruch: Die Kirche ist gleichzeitig problematisch und unproblematisch. Problematisch genug, dass ein Ort für Auseinandersetzung geschaffen werden muss, aber nicht so problematisch, dass der originalgetreue Wiederaufbau ein Problem ist. Sie predigt Wasser und trinkt heimlich Wein (auf Staatskosten).

Ein klarer, schriftlich fixierter oder gar vertraglicher Verzicht auf den Bau des Kirchenschiffes täte dem Ansinnen auch gut, denn dann wäre Platz für Vieles!

Das ursprüngliche Interview mit dem Architekturtheoretiker und ehemaligen Direktor der Stiftung Bauhaus Philipp Oswalt finden Sie hier:

https://www.monopol-magazin.de/der-wiederaufbau-der-garnisonskirche-ist-ein-absoluter-tabubruch

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