Namensstreit in der neuen Mitte

Die Stadtmitte soll weiblicher werden. Drei Frauen sollen im neuen Quartier zwischen Landtag und Bibliothek Namensgeberin für die drei neuen Straßen sein. Doch das führt im 100. Jahr des Frauenwahlrechts zu Widerstand. Mit den drei dümmlichsten Argumenten wollen wir uns kurz auseinandersetzen.

Einwand 1: „Die genannten Frauen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts sollten am Ort ihres Wirkens geehrt werden.“

Ein solcher Ansatz ist grundsätzlich zu begrüßen und da wo das möglich ist, sollte dies auch geschehen. Leider lässt sich dies nicht immer umzusetzen. Hegel hat nie in der Hegelallee gewirkt. Dürer, Rubens oder Rembrandt waren nie in der Berliner Vorstadt. Ganz Drewitz trägt Namen von Filmschaffenden, die nie auf dem Acker, auf dem das Wohngebiet entstand, arbeiteten. Ebenso im Kirchsteigfeld; viele Frauennamen: Marie-Juchacz, Liese-Meitner, Clara-Schumann, Ricarda-Huch usw.. Weiter an den Stadtrand gedrängt, kann kaum eine Stadtgesellschaft diese Frauen würdigen.

Besonders „unglücklich“ ist der Einwand auch deshalb, weil die Antragstellerin, die Stadtverwaltung, für alle drei Frauen, um die es aktuell geht, einen Bezug zur Innenstadt gefunden hat und als Antragsbegründung auch beigefügt hat.

Anna Zielenziger lebte von 1867 – 1943. Sie engagierte sich u.a. als Vorsitzende des „Israelitischen Frauenvereins“, der von 37 Frauen in Potsdam ins Leben gerufen wurde. In ihre Amtszeit fallen viele Unterstützungsprojekte des Frauenvereins, wie z. B. die Eröffnung des Jüdischen Mädchenheimes, in dem bedürftigen jüdischen Mädchen eine Haushalts- und Schulbildung oder ein Studium ermöglicht wurde. Anna Zielenziger war zudem Beisitzende im Mädchenheim Potsdam e.V.. Im Jahre 1939 musste sie nach Amsterdam emigrieren. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande begann die erneute Verfolgung der Familie, sie wurde im Juli 1943 verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork gebracht, wo sie am 22.11.1943 verstarb. Die Nähe zu ihrer ehemaligen Wirkungsstätte, dem Treffpunkt des „Israelitischen Frauenbundes“ im „Hotel zum Einsiedler“ in der Schloßstraße 8 (heutiger Baugrund der Synagoge Potsdam), begründet die Benennung einer Straße nach ihr an diesem Ort.

Erika Wolf (1912 – 2003) war 1945 Mitbegründerin der CDU in Potsdam und von 1946 bis zu ihrer Flucht nach Westdeutschland 1950 Stadtverordnete. Außerdem wirkte sie im CDU-Landesvorstand von 1945 bis 1948 als Leiterin der Abteilung Frauen. Nach 1989 unterstützte sie den Wiederaufbau des CDU-Landesverbandes. Seit 1994 lebte sie wieder in Potsdam. Die Nähe zum Landtag begründet die Benennung einer Straße nach ihr an diesem Ort.

Anna Flügge (1885 – 1968) gehörte der Potsdamer SPD an. Anna Flügge sitzt für die Wahlperiode von November 1929 bis März 1933 zusammen mit Pauline Wuttke und Hedwig Pusch in der 13-köpfigen SPD-Fraktion des Stadtparlaments. Außerdem fungiert sie als Schriftführerin im SPD-Wahlverein und ist in der Arbeiterwohlfahrt aktiv. Nach dem Verbot der Partei im Juni 1933 betätigte sich Anna Flügge nicht mehr politisch. 1936 gründete sie den Kleingartenverein ,,Bergauf‘ am Pfingstberg mit. Das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 war der Auslöser für die Aktion „Gewitter“: Am 22. und 23. August 1944 wurden ehemalige Funktionäre und Abgeordnete der Weimarer Republik verhaftet. Sie kamen vorwiegend aus der SPD, KPD und der Gewerkschaft, unter ihnen war auch Anna Flügge. Die Gestapo überstellte sie am 1. September ins KZ Ravensbrück, ließ sie jedoch am 7. September wieder frei. Nach Kriegsende trat Anna Flügge erneut der SPD bei und wurde 1946 in die SED übernommen. Eine Funktion übernahm sie dort nicht.

Wir haben nichts gegen die Ehrung von verdienten Frauen unserer Stadt, aber nicht an dieser Stelle“, schrieb Mitteschön in einem Demoaufruf. Irgendwie klingt es wie „Wir haben nichts gegen Ausländer, aber nicht hier.“

Einwand 2: „Straßennamen im Kernbereich einer Stadt sollten keine politisch motivierten Namen tragen …“

„…denn sie dienen – nach der Straßenverkehrsordnung – zuerst der Orientierung.“ behauptet das Bündnis Potsdamer Mitte. Wird dem gefolgt, dann müssten die Straßen heute „Landtagsstraße“, „Am Staudenhof“ und „Tiefgaragengasse“ heißen, dann da führen sie hin bzw. entlang.

Nur auf den ersten Blick sind die Namen der ehemaligen Straßen „Schlossstraße“, „Kaiserstraße“ und „Schwertfegergasse“ völlig unpolitisch. Ein Schloss ist ein Symbol der Macht. Der Kaiser ist die undemokratische Macht in Person und der Schwertfeger ist ein militaristischer Dienstleister. Das Militär ist Instrument der Macht. Ursprünglich war mit „Kayserstraße“ ein Bäcker gemeint. Also noch ein höfischer Dienstleister. Einer der die Macht durchfüttert.

Nur heute würde niemand mit einer Kaiserstraße etwas Unpolitisches assoziieren. Noch dazu, weil die deutschen Kaiser wahrlich nicht als Friedensstifter berüchtigt waren, sondern die Deutschen in drei große Kriege (davon 2. Weltkriege) führten bzw. den Führer unterstützen. Wie diesbezüglich die Potsdam-CDU und Mitteschön „eine Kaiserstraße“ als einen tollen Werbeträger bezeichnen können, bleibt ein Rätsel. Es kann auch Ausdruck von Gedankenlosigkeit oder revanchistischer Einstellungen sein.

Selbst wenn wir die Stadtgeschichte auf die Gegenwart eindampfen, bleibt festzustellen, dass einige Straßen und Plätze rund um das Neue Viertel bereits Namen von SPD-Politikern und Militärs tragen: Friedrich-Ebert, Otto Braun, Yorck (General Ludwig Yorck von Wartenburg), Henning von Tresckow. Bekanntlich alles Männer. Es wird Zeit, dass hier ein Ausgleich stattfindet. Und was passt besser als drei Frauen, die allesamt Opfer des Naziregimes waren und (grob vereinfacht) zurzeit von Ebert, Otto und Tresckow wirkten.

Einwand 3: „Neue Namen sollten nur für neue Straßen vergeben werden …“

„… wie in einem Neubaugebiet am Stadtrand beispielsweise am Bornstädter Feld oder in Krampnitz“ meint das Bündnis Potsdamer Mitte in einem Brief an die Fraktionen in der SVV. Wenn etwas neu in dieser Stadt ist, dann ist es das Quartier zwischen Bibliothek und Landtag. Selbst dieser Landtag ist ein Neubau, ebenso wie das Museum Barberini. Daneben wirkt der Staudenhof schon wie ein altes Original. Auf PNN-Anfrage sagte der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF): „In dem Fall handelt es sich nicht um Um-, sondern Neubenennungen“ von Straßen. In dieser Barockretorte ist nichts authentisch. Es handelt sich laut Sabrow um „Nachschöpfungen aus Gegenwartsinteresse“. Andere nennen derartiges „Preußen-Disney“ oder einfach nur „Kitsch“.

Nahezu die gleichen Leute, die sich heute gegen die Frauennamen stemmen, klatschten nach 1990 Beifall als zahlreiche Straßen umbenannt worden. Aus einem neuen Zeitgeist heraus und nicht, weil Potsdam neue Straßen erhielt. Selbst sozialdemokratische Antifaschisten oder Spanienkämpferinnen wie Antonie (Toni) Stemmler fielen dieser bürgerlichen Kulturrevolution zum Opfer. Diese Frau begriff schon mehr als zehn Jahre vor Tresckow, dass ein Kampf gegen den Faschismus von Franco und Hitler notwendig ist. Eine Straße in der Waldstadt verlor trotzdem ihren Namen (heute: „Zum Kahleberg“).

Dass es der Stadt ernst ist mit mehr weiblichen Straßennamen zeigt sich auch in einem weiteren Antrag der Verwaltung. Eine neu entstehende Privatstraße im Ortsteil Fahrland, gelegen zwischen Ketziner Straße und Weberstraße, soll nach Käthe Pietschker benannt werden.

Und manchmal ist es auch angebracht einen Platz umzubenennen, auch wenn er derzeit einen Frauennamen trägt (Luisenplatz). Denn dazu sind Straßen- und Platznamen auch da: zum Ehren und Gedenken. Ohne die vielen tausend Frauen, Männer und Kinder vom 04. November 1989 würden wir ALLE heute hier nicht offen diskutieren können, wie es mit der Stadt am besten weitergeht. Deshalb sollte der Platz der größten Demonstration in dieser Stadt „Platz des 4. November“ heißen.

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