Schuberts feuchte Träume

Der Stadtkanal als SEIN neues Generationenprojekt;  1.Teil: Ideen (in) Kiel geholt

Schubert liebt scheinbar Projekte, die in der Zukunft liegen: die Wiese des (deutschen) Volkes anstatt des Hotels Mercure, eine Jugendbegegnungsstätte anstatt eines nicht gebauten Kirchenschiffes und eines real existierenden Kunst- und Kreativhauses sowie ein Stadtkanal anstatt der alltäglichen, lästigen politischen Themen der Gegenwart.

Am 21.11. tagt das Stadt-Forum Potsdam im Haus der Brandenburg-Preußischen Geschichte. Der passende Ort für ein Retroprojekt. Frisch aufgehübscht mit dem Thema „Der Stadtkanal und der innerstädtische Stadtraum“. Auch der Oberbürgermeister Schubert nimmt an der 66. Sitzung des Forums teil. https://www.potsdam.de/event/66-stadt-forum-potsdam

Zwei Tage vorher trifft sich erstmals die „Arbeitsgruppe Stadtkanal“ (am 19.11.2019 um 18 Uhr, Hegelallee 6-10, Haus 1, 8. Etage, Raum 849).

Den wässrig-feuchten Traum vom Generationenprojekt Stadtkanal träumt der OB Schubert schon seit dem Neujahrsanfang. Im Sommer traf er sich deshalb bereits mit seinen Traum-Mittänzern, mit dem privaten Bauverein, dem Förderverein Stadtkanal und dem kommunalen Sanierungsträger für die Potsdamer Mitte.

Wie immer redet der OB erst mit den Befürwortern und posaunt dann in der Öffentlichkeit, dass es einen kontinuierlichen Dialog zu dem Thema geben soll. „Dort sollen nicht nur die Befürworter des Projektes mitwirken.“ Wenn es ihm wirklich darum gehen würde, dass dieses Generationenprojekt von einer Mehrheit der Potsdamer getragen werde, dann würde er kein „Beteiligungsverfahren initiiert werden, das langfristige Planungsperspektiven erarbeitet“, sondern erst einmal die Frage stellen: Wollt ihr Potsdamer*innen das? Wenn ja, wo und um welchen Preis? Wo soll das Wasser herkommen? Wie wirkt der Klimawandel auf die Fließgeschwindigkeit der Havel?

Das sollten die Themen bzw. Fragen des Stadt-Forums sein!

Im August sagte Schubert: ein Vorbild könne etwa Kiel sein, wo auch ein historischer Kanal zusammen mit der Stadtgesellschaft ausgehoben werde. Die Kieler Nachrichten schrieben am 17.07.2015 zum Projekt: „Der Kleine-Kiel-Kanal, seit drei Jahren eines der umstrittensten Projekte für die Innenstadt, kommt! Nach einer heftigen Debatte, in der Gegner und Befürworter ihre bekannten Argumente und gegenseitigen Vorwürfe vorbrachten, verabschiedete die Ratsversammlung mit Mehrheit von SPD, Grünen und SSW die Vorlage.“

Das kommt uns bekannt vor!

In der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein war bis 1903 die Kieler Förde mit einem kleinen See, dem Kleinen Kiel, verbunden. Ein Minikanal hatte die beiden Gewässer miteinander verbunden. Jetzt wird neu gebaut: ein Kanal der keiner ist, nur so heißt. Gebaut werden im Wesentlichen zwei langgezogene, flache Wasserbecken mit einer Gesamtlänge von 170 Meter.

Für die Besichtigung der Baustelle sind der Oberbürgermeister und der Baustadtrat Rubelt nach Kiel gereist. Wozu dann nach Kiel fahren? Umstrittene Projekte und Wasserbecken gibt es hier genug. Hoffentlich haben die beiden die Dienstreise richtig abgerechnet. „Besichtigung eines Kanals“ sollten sie nicht im Abrechnungsbogen schreiben, denn die neuen Wasserbecken sind kein Kanal. Sie sind nicht mit dem Kleinen Kiel oder dem Hafenbecken verbunden. Geflutet wird der Kanal allein mit Hilfe von Pumpen. Das ist energieintensiv; immer wieder umwälzen, Wasser reinigen, Geld ausgeben.

Die bunten Bilder der Visualisierung sind so schön statisch, so weltfremd. Was passiert bei einem Starkregen? Der gesamte Unrat der obenliegenden Plätze und Treppen wird in die neuen „Sammelbecken“ gespült. Ist das der Plan? Was sagen die Befürworter, wenn sich die Kieler Familien den Platz wirklich aneignen und dort grillen und baden. Mal nur die Füße, mal ganz. Tief genug soll es ja werden.

Ich kann mir das richtig lebhaft vorstellen, dass am Wochenende gegen morgen die Nachtschwärmer das Teil für sich entdecken und in ihrem Suff glauben, sie hätten endlich den hoteleigenen Pool gefunden. Oder die ins Wasser ragenden Platten am Berliner Platz, verleiten Betrunkene regelrecht dazu, ein Wettpinkeln zu veranstalten. Das wiederrum wäre wirklich eine Gemeinsamkeit mit dem ehemaligen Potsdamer Kanal. Denn die kleinen Treppen die in festen Abständen vorhanden waren, dienten genau dafür. Die Soldaten sollten nicht vom Wegesrand aus pinkeln, sondern unterhalb der Hauptsichthöhe stehen.

Es geht auch kultivierter. Für einen Kanalsprint sind die Becken zu lütt. Aber immer wenn in der Kieler Woche in der Förde die großen Segelschiffe ein- und auslaufen, könnten Modellbauer ihre Miniversion dort schippern lassen. Und ringsherum stehen Buden mit Räucheraal und Fischbrötchen. Natürlich gibt es neben den Kieler Sprotten auch viele Bierbuden. Und überall plärrt laute Seemannslieder-Musik und die Leute drängeln was das Zeug hält. Echte Aufenthaltsqualität halt. Wie beim Kanalsprint.

Oder es gibt eine „Friesenwoche“ mit witzigen Spielen: Kronkorkenhüpfen zum Beispiel. Gewinnen tut der oder die, dessen Korken am häufigsten über die Wasserfläche hüpft, bevor der untergeht. Wie sonst an der See, nur nicht mit flachen Steinen. Kronkorken sehen am Beckenboden viel edler aus. Sie glitzern wie die Münzen in den Springbrunnen Roms. Schillerndes Europa. Und Weltoffenheit passt gut zu Kiel; das Tor zur Ostseewelt. Und einen richtigen Kanal haben sie da auch, den Nord-Ostsee-Kanal.

Die MAZ wird uns schon auf dem Laufenden halten. Dank Redaktionsnetzwerk wird uns demnächst jede Kleinigkeit vom K3 (Kleiner-Kiel-Kanal) berichtet. Bis wir den Kanal voll haben. Eine Überschrift für die neue MAZ-Rubrik gibt es auch schon: „Neues von der Kieler Pfütze“.

Das Wasserbecken, Springbrunnen und ähnliche Anlagen die Aufenthaltsqualität einer Innenstadt verbessern können, ist eine Binsenweisheit, die unbestritten ist. Dazu muss niemand nach Kiel fahren. Die meisten von uns konnten das Jahrelang live erleben, am Staudenhof und am Brauhausberg. Oder heute noch im Volkspark, am Luisenplatz und auf der Freundschaftsinsel. Die Wasserbeckenanlage inmitten der Försterstauden sieht aus wie das Kieler Model, nur etwas kleiner. Aber vielleicht war ja auch Potsdam Vorbild für Kiel.

Vielleicht sollten wir in Anbetracht des Klimawandels, heißer und trocken werdender Sommer, Wasser als „kühlendes Nass“ dort einsetzen, wo wir es heute bzw. morgen brauchen und nicht dort, wo es vor hundert Jahren stand und stank. Die Stadt macht gerade ein Stadtklimaprojekt mit wissenschaftlichen Partnern. Diese Expertise bleibt bisher außen vor. 

P.S. Über die weltfremden feuchten Träume von Herrn Göpel vom Pro-Kanal-Bauverein bezüglich Fleißgeschwindigkeit des Kanals, der Havel und der Spree wird der Teil 2 informieren.

Eine Antwort auf „Schuberts feuchte Träume“

  1. Hallo, kurz und knapp,
    Ich kann mich erinnern, dass unser OB, als er noch keiner war, sich öffentlich für den Frieden eingesetzt hatte, Dazu schrieb ich einst einen Leserbrief für die kostenlosen Stadtblätter, der sehr viel anklang fand. Heute habe ich den Eindruck, dass ihn das Schicksal der meisten Politiker schon erhascht hat, nämlich sich den Machtinteressen … anzupassen. Die Sorgen und Nöte der kleinen Leute scheinen dagegen in den Hintergrund zu treten und viele Dinge werden aus Prestige und nicht nach sinnvollem sozialen Ausgleich ausgerichtet. … Müßig, darüber lange zu reden.
    Die Kehrseite ist allerdings, dass viele “kleine“ und anderen Leute selbst nicht an sinnvoller Minimierung interessiert sind, – es häufen sich die SUV,s … Und ich habe den Eindruck, dass Visionen solcherart auch bei vielen in die Leere laufen und man eher noch als Spinner, statt als mit prophetischen Inspirationen ausgestatteter Zukunftsdenker oder – suchender angesehen wird. Und so minimiere ich mich nach und nach selbst und trete in mir möglichen Masse für Frieden ein, hege und pflege meine kleine Umwelt und versuche anderen, die es nötiger brauchen zu helfen, gewiß auch nicht ohne Fehler…
    Viele Grüße aus der Zukunft, bin immer offen, mit Interessierten darüber zu reden etc.
    Johnny

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