Bekommt Potsdam einen Pädophilen-Treff?

Sind sie nicht goldig, die Knaben?

Es ist fast untergegangen zwischen Bombensprengung, Libeskinds Anschlag auf die äußere Hülle der Garnisonkirche und dem der Wissenschaftler*innen auf die innere Leere der GK (mit ihrem Lernort-Portal): die goldenen, nackten Knaben am Landtag.

Aber auf die MAZ war Verlass. Sie sprach von einem Balanceakt. Leider nur von einem statischen: „Waghalsig tänzelt der glänzende Knabe entlang der Sandsteinkante am Potsdamer Stadtschloss – und die Zuschauer staunen über die Leichtigkeit des über 60 Kilogramm schweren Wonneproppen aus Bronze.“ maz-online.de 25.06.2020. Das die Figuren, auch anderweitig einen Balanceakt darstellen, darauf kam bisher niemand zu sprechen.

Die Barock-, Rokoko- und Retrofetischist*innen rund um den Landtag, schaffen mit dieser Treppe auch einen neuen Treffpunkt für Pädophile. Spätestens im März 2021 sollen die Knaben und die Treppe wieder der besondere „Blickfang“ sein, so der Potsdamer Schlossverein. Zu deren Hauptunterstützer*innen gehört auch Ruth Cornelsen (die Witwe des Verlagsgründers) Frau Cornelsen Wahlspruch lautet „Der Vergangenheit Zukunft geben“. Das klingt im Angesicht der deutschen Geschichte mit zwei Weltkriegen und zahlreichen Völkermorden bedrohlich. Bedenklich ist, dass gerade Geld aus einem Buchverlag, welcher Schulbücher auflegt, diesen Revanchismus betreibt und aktuell Pädophilie fördert. Kunsthistoriker Körner schwärmt schon im Vorfeld der Eröffnung: „Das wäre ein wunderschöner Hingucker auf der langen, der Stadt zugewandten Fassade des Schlosses.“ Die Klientel wird sich freuen.

Die Treppe selbst diente dem Soldatenkönig als schnelle und private Verbindung zwischen Arbeitszimmer und Exerzierplatz. Gleichzeitig konnten auf kurzem Wege die militärischen Fahnen und Standarten der königlichen Leibgarde nach außen gebracht werden. Daher der Beiname Fahnentreppe. 

Die Figuren waren im 19. Jh so marode, dass König Friedrich Wilhelm III die Treppe abriss. Sein Sohn baute sie 14 Jahre später wieder auf. Keiner der Originalknaben aus der Zeit Friedrich II existiert heute noch. Alle sind Nachbildungen, auch die die in der Öffentlichkeit gern als Originale bezeichnet werden. Meist handelt es sich um Nachbildungen von Nachbildungen oder gar Nachahmungen. Heute ist es eine Treppe die ins Nichts führt. Völlig funktionslos.  

Die Figuren der Knabentreppe (auch Puttentreppe oder Engelstreppe) ließ Friedrich II. nachträglich auf der alten Fahnentreppe platzieren. Für ihn war es eher die Treppe zum Lustgarten und ein Ort der Zur-Schau-Stellung. Ihm war die väterliche Ausführung der Treppe suspekt. Wie der Vater insgesamt. Immerhin zwang er ihn, bei der Hinrichtung seines Geliebten und Freundes Katte dabei zu sein. Friedrich II machte aus der Fahnentreppe seines Vaters ein Prunkstück seiner selbst; mit Wappen und Geländeranleihen aus Rheinsberger Jugendzeiten.

Menschen, die die Botschaft Friedrichs nicht verstanden (das innere nach außen kehren), meinen „musizierende Engel“ in den Figuren zu sehen. Dazu gehört schon eine ordentliche Portion göttliche Blindheit, da nicht einer der nackten Knaben Flügel oder Instrumente trägt. Pädophile nennen ihre knabenhaften Opfer auch gern Engel.

Friedrichs Botschaft an die Heterogesellschaft in allen Ehren, aber versteht sie jemand heute so? Ist das die Botschaft des Landtages im Sinne des alten Regenten: Jeder und Jede nach seiner/ihrer Fasson: hetero, schwul, lesbisch, …? Aber nein, selbst die Hauschefin die Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke schaute bei der Stellprobe der goldenen Knaben vorbei und hebt lt. MAZ lediglich „die künstlerische Bedeutung des Geländers für unser Haus und das Stadtbild Potsdams“ hervor. Keine Symbolik, sondern reine künstlerische Darstellung kindlicher Nacktheit. Dann ist einfach nur wieder unbedachter, botschaftsfreier Retrokitsch. Rekonstruktionen müssen sich mit dem gesellschaftlichem Heute auseinandersetzen, bzw. die Gesellschaft sollte nicht jede Rekonstruktion unkritisch hinnehmen. Die gilt für diese Treppe ebenso wir für die Garnisonkirche.

Es wird Zeit, dass wir hinter die glänzenden Oberflächen und Kulissen schauen und uns mit unserer (Stadt-)Geschichte auseinandersetzen, auch der Landtag mit der ehemaligen Funktion des Schlosses (und Gefängnisses) , die Staatskanzlei mit der Nazizeit (1. Nationalpolitische Erziehungsanstalt im 3. Reich) und die Schlösserstiftung mit dem rassistisch geprägten „Mohren-Rondel“ (das Rondell schwarzer Figuren) im Park Sanssouci. Um nur drei Beispiele zu nennen.

Die optische Präsenz der nackten Knaben hatte früher sicherlich viele Freunde. Alte Fotos zeigen dies. Fotografen aller Couleurs werden sich dort bald wieder treffen, am „goldigen Ort“. Ein zwangloser Pädophilen-Treff. Die Würde des „hohen Hauses“ scheint darunter nicht zu leiden. Und der homosexuellen Steuben, nach dem der Platz benannt ist, auf den die Treppe hinabführt, kann sich auch nicht mehr wehren.

Es war einmal.

5 Antworten auf „Bekommt Potsdam einen Pädophilen-Treff?“

  1. Wenn AutorIn hier Homosexualität und Pädophilie in einem Atemzug nennt, werde ich fassungslos und wütend. Ich vermute mal, das ist missverständlich formuliert und wird hoffentlich rasch korrigiert.
    Abgesehen davon, frage ich mich, ob die künstlerische Darstellung kindlicher Nacktheit wirklich immer einen Pädophilieverdacht begründet. Schwieriges Terrain…

    1. Text wurde geändert.
      Wir hoffen, wir konnten das Missverständnis aufklären. Es geht uns nicht um die besagte Gleichsetzung!!!
      Es ist ein schwieriges Terrain. Das wissen wir. Aber ist die Darstellung der Knaben noch zeitgemäß? Braucht eine Stadt, und speziell ein Landtag derartiges? Hat die Treppe eine Botschaft? Wenn ja welche? Oder ist es nur Kitsch?

      1. Ein schwieriges Terrain – und genau deshalb sollten gerade wir als Linke differenziert und verantwortungsbewußt – und keinesfalls in BILD-Zeitungs-Manier mit diesem Thema umgehen. Letztlich sind diese Figuren nur billiger (bzw. teurer) Kitsch, so wie vieles andere auch. Überflüssig, aber mehr auch nicht.

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