Opfermythos in Sandstein und Zement

Dies könnte eine Überschrift für einen Beitrag zur Garnisonkirche sein. Ist es aber nicht. Die Sächsische Zeitung ist der Frage nachgegangen, wie historisierendes Bauen rechten Ideologien Vorschub leistet. Anlass sind der Jahrestag der Bombardierung Dresdens im 2. Weltkrieg am kommenden Wochenende und der Film von Hans Christian Prost „Wohin mit der Geschichte?“. Die Parallelen zur Entwicklung in Potsdam sind auffällig, auch wenn sie nicht 1:1 so stattfinden.

Der SZ-Artikel von Birgit Grimm beginnt mit der Aussage „Natürlich haben die Stadtplaner die Pegida-Bewegung nicht heraufbeschworen und auch nicht der AfD Vorschub geleistet.“ Den Gedanken weist die zitierte Planerin von sich. Sie glaubt es nicht. Es wird im Film deutlich, sie hofft, dass es so nicht ist. Der Film des Dänen Prost kann keinen kausalen Zusammenhang von historisierendem Bauen und dem Aufstieg der Rechten belegen. Er zeigt aber auf, wie sich beides gewollt oder ungewollt befruchtet und zu einem neuen, aktuellen Bild zusammensetzt. Selbst die SZ stellt fest: „Denn seit den Aufmärschen der Pegida-Bewegung ist nicht zu übersehen, dass es den Rechten gut gefällt, ihre Wut auf Ausländer, Regierung und Medien vor den touristisch markanten Gebäuden im Stadtzentrum zu inszenieren.“

Der Architekturtheoretiker Stephan Trüby kommentiert die städtebauliche Entwicklung so: Dresden ist eine übercodierte Stadt, die seit Jahrzehnten versuche ihre Identität künstlich zu verstärken. Gleiches gilt unserer Meinung nach für Potsdam. Trüby ergänzt „Aber Übercodierung führe zu Fremdenfeindlichkeit. Dresden steht als Initialzündung für Rekonstruktionen wie in der Frankfurter Altstadt und das Berliner Stadtschloss.“ Nicht umsonst hielt Björn Höcke seine Rede von der „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ in Dresden. Er bezog darin auch die neuen Kulissen und Symbole des Alten von Potsdam mit ein.  

Interessant ist die im Film dargestellte Gemengelage aus klassischen rechten Aktivitäten, naiv wirkenden Positionen von Kirchenvertretern und dem Bauchgefühl der Menschen. Die Sehnsucht nach dem althergebrachten als Beruhigungspille gegenüber den globalen Entwicklungen. In den Aussagen der Stadtplanerin Anja Heckmann kommen nicht nur die von Schönheit faselnden Befindlichkeiten hiesiger Gruppen zur Geltung, sondern sie erinnert auch stark an handelnde Politikerinnen in dieser Stadt. Letztendlich fleht sie fasst, dass es den Zusammenhang aus ihrem gut gemeinten Tun und der realen Entwicklung in der Stadt nicht wirklich gibt.  

Es geht auch um die Instrumentalisierung der Rekonstruktionsbauten und darum, sich selbst instrumentalisieren zu lassen. Allerorts werden Verantwortliche nicht müde zu behaupten, dass sie ihre „neuen Altbauten“ (ihre Rekonstruktionen) vor dieser Instrumentalisierung schützen wollen. Allerorts wird deutlich, dass dies nicht gelingt. Der Prost-Film zeigt dies deutlich für Dresden. Deutlich werden auch längst vergangen geglaubte Einstellungen. Sie waren aber nicht vergangen, nur verdeckt! Pfarrer als Wegbereiter rechten Gedankengutes. Auch dieses finden wir in Dresden wie in Potsdam. Dokumentiert sind die Aussagen Potsdamer Geistlicher im Lernort Garnisonkirche (im RZ) zur Schuldfrage am 2. Weltkrieg. Sie stützen die rechtsradikalen Thesen, dass die Engländer Schuld am Weltkrieg hatten und nicht die Deutschen.

Im Unterschied zu Dresden leistete hier keine NPD die ideologische Vorarbeit. Dresden und Sachsen insgesamt sind seit Jahrzehnten eine CDU Hochburg.  Brandenburg und Potsdam sind in SPD-Hand. Trotzdem haben wir ähnliche Ergebnisse, zumindest im städtebaulichen Trend. Mit „Potsdam bekennt Farbe“ und den vielen Aktivitäten anderer Gruppen (z.B. Antifa, Migrant*innen-Beirat, Seebrücke …) ist es hingegen gelungen, die Rechte klein zu halten. Zumindest in der Stadt; im Land Brandenburg sieht dies ganz anders aus.

Die Bombardierung Dresdens am 13. und 14. Februar 1945 mit 25.000 Toten war die die größte Katastrophe in der Stadtgeschichte. Das ist unbestritten, aber … sie wurde schon damals medial von den Nazis missbraucht und bis heute rankt sich ein Opfermythos um dieses Ereignis, ohne die Ursachen des Krieges ernsthaft in die Debatte einzubeziehen. Ähnliches erfahren wir hier in Potsdam alljährlich am 14. April, der sogenannten „Nacht von Potsdam“. Allerdings können wir dieses Ereignis auch in einen kausalen Zusammenhang mit dem „Tag von Potsdam“ (21. März 1933) setzen und somit deren Überhöhung als Opfer klein halten. Wobei wir mit dem „Tag von Potsdam“, der „Geburtsstunde des Dritten Reiches“, nun doch wieder bei der Garnisonkirche sind. Letztendlich ist ihr Wiederaufbau auch ein Sinnbild für den deutschen Opfermythos.

Der Film ist zu sehen unter:

https://www.bpb.de/mediathek/322155/wohin-mit-der-geschichte

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