Offener Brief – Moratorium zur Garnisonkirche jetzt!

Höhe ist keine Zeichen von Größe

In einem offenen Brief sprechen sich knapp hundert internationale Wissenschaftler, Architekten, Künstler, Kirchenvertreter, Kulturschaffende und zivilgesellschaftlich Engagierte dafür aus, bei dem Wiederaufbau des Kirchturms der Garnisonkirche Potsdam auf den Nachbau der umstrittenen Turmhaube zu verzichten, da diese für einen problematischen Nationalprotestantismus steht.

Gerade die Kirchturmhaube (einschließlich Glockenspiel und Wetterfahne) ist zu einem Symbol des problematischen Nationalprotestantismus geworden, der in dieser Kirche gepredigt wurde und der Obrigkeitshörigkeit, Nationalismus, Militarismus und den Hass auf fremde Völker christlich legitimierte. Ein Verzicht auf dieses Symbol würde auch sicherstellen, dass das Vorhaben nicht mehr Applaus und Unterstützung von der falschen Seite bekommt – von Rechtsradikalen.

Die Briefschreiber*innen kritisieren die falsche Prioritätensetzung der Projektbetreiber, welche die Frage des Lernorts vernachlässigt haben. Während eine komplette Originalrekonstruktion des Kirchturms für 45 Mio. €  erfolgen soll, fehlt es für den angekündigten Lernort an allem: An einem Konzept, an Ausstellungsfläche, an Personal, an Geld.

Sie fordern angesichts des letzte Woche auf Initiative des Potsdamer Oberbürgermeisters Mike Schubert begonnenen Diskussions- und Entscheidungsprozesses zur Zukunft des Ortes, keine weiteren Fakten zu schaffen, sondern die Ergebnisse dieses Prozesses abzuwarten. Insbesondere soll der Bund auf die geplante Finanzierung der einst von den rechtsradikalen Projektinitiatoren in den Verhandlungen mit der evangelischen Kirche durchgesetzten Originalrekonstruktion der Kirchturmhaube mit ihrer umstrittenen Symbolik verzichten.

Sie fordern die Entscheidungsträger*innen auf, „keine neuen Festlegungen zu treffen, bevor nicht die Fragen von Konzeption und Finanzierung des Lernorts einschließlich einer veränderten Form seiner Trägerschaft, der Perspektive für das Gesamtareal und damit der Zukunft des Rechenzentrums geklärt sind.“

Als Projektverantwortliche sind das Kuratorium und der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Garnisonkirche, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Schirmherr der Stiftung und Kulturstaatsministerin Monika Grütters als Hauptgeldgeberin adressiert.

Zu den Unterzeichnern gehören die Wissenschaftler Micha Brumlik, Geoff Eley, Hans Ulrich Gumbrecht, Susannah Heschel, Uffa Jensen, Robert Jan van Pelt, Stefanie Schüler-Springorum, James E. Young und Wolfram Wette; die Kulturschaffenden Mo Asumang, Monica Bonvicini, Jochen Gerz, Katharina Hacker, Thomas Heise, Kasper König und Olaf Nicolai; die Architekten HG Merz, Matthias Sauerbruch, Michael Schumacher, Werner Sobek, der Kirchenmann Friedrich Schorlemmer sowie Anetta Kahane (Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung), Franz Nadler (Vorsitzender von Connection e.V., Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, Offenbach) und Ulrich Schneider (Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) u.v.a. Hier kann der Brief heruntergeladen werden:


Ein Kommentar

  1. Als ehemaliger Pfarrer der Friedenskirchengemeinde Potsdam habe ich die fast einstimmige und emotional geladene Ablehnung des Wiederaufbaukonzepts der von Max Klaar in der Kreissynode Potsdam in lebhafter Erinnerung. Ein halbes Jahr später stellte Superintendent Althausen seine Idee eines alternativen Wiederaufbaus der Garnisonkirche als Friedenszentrum der Kreissynode vor, das fast 100 %ige Zustimmung bekam. Danach hätte auch eine stilisierte Turmgestalt in Frage kommen können, die aber in jedem Fall oben das Nagelkreuz von Coventry als Versöhnungssymbol tragen sollte. 2017 wurde als Ziel der Fertigstellung angesehen!

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