Schandmal wächst aber gedeiht nicht

Gestern weckte und erschreckte die MAZ die Online-Leser*innenschaft um 06:12 Uhr mit der Meldung: Der halbe Turm steht! Gemeint ist die Kopie des Garnisonkirchenturms, die auch schon von einer Pastorin „Monster“ genannt wurde.

Allein schon die Vorstellung, dass dieser pseudobarocke Alptraum noch doppelt so hoch werden soll, lässt einen den morgentlichen Biss im Halse stecken bleiben. Das umstrittenste Bauwerk der Stadt – ein umstrittenes Bauwerk deutschlandweit, mit Kritik aus Frankreich und Polen – soll das dominanteste Bauwerk der Stadt werden. Die Huldigung von König, Gott und Militär über allem! Brechreiz.

Bei genauerem Lesen des Beitrags wird allerdings deutlich, dass die Kritiker*innen in allen Punkten Recht hatten! Der Prestigebau wird teurer als erwartet. Schon vor vielen Jahren nannten die Projektgegner*innen die Summe von 50 Mio. € als Mindestkosten. Diese werden wohl deutlich überschritten werden. Wurden von der Stiftung ursprünglich 40,3 Millionen Euro für den Aussichtsturm veranschlagt, so sind die Kosten für den Förderantrag beim Bund auf 35,6 Millionen Euro heruntergerechnet worden, ohne dass weniger Baumaßnahmen vorgesehen waren. Die Stiftung behauptete auch, dass das Projekt aus Spendenmitteln bezahlt wird. Nicht mal ein Fünftel der zu erwartenden Kosten werden durch Spenden abdeckt.

Die Spenden fließen seit Beginn nur spärlich. Das hat nichts mit Corona zu tun, wie Herr Leinenmann nun in der MAZ behauptet, sondern damit, dass das Projekt von Beginn an umstritten und unstimmig ist. Von Rechtsaußen initiiert, von Kirche und SPD annektiert und von den Steuerzahler*innen zwangsweise finanziert.

Ein wissenschaftlicher Beirat und Ausstellungsinhalte für den auf Optik getrimmten Hohlkörper wurden erst auf Druck von außen eingerichtet bzw. beauftragt. Dabei wurden alle Behauptungen der Turmbefürworter*innen der Anfangsjahre auf den Kopf gestellt. Es war wahrlich kein Ort des Widerstandes, des Friedens oder der Verständigung. Es war ein Hort der Täter, inklusive der GK-Pfarrer mit ihren kriegsverherrlichten Predigten. Alle historischen Fakten belegen, dass auch hier die Kritiker*innen Recht hatten.

Es ist ein Ort, der bis heute militaristische, faschistische und rechtsradikale Einschreibungen hat und auf eine unchristliche, gotteslästernde Vergangenheit zurückblicken lässt. Christen brauchen keine Garnisonkirche! Christliche Arbeit für Frieden und Verständigung ist in allen anderen Kirchen möglich und mittlerweile Selbstverständlich. Für ernsthafte kirchliche Arbeit würde der halbe Turm reichen. Es bedarf keines 88 Meter hohen Aussichtsturm mit Gebetsanschluss.

Lediglich alte, eitle Männer brauchen dieses Projekt GK für ihre Selbstdarstellung. Es geht scheinbar wieder mal nur darum, wer den Größten (Turm) hat. Anderen geht es um Rachearchitektur und um Re-Christianisierung der Mark. Die barocken Fassaden sind der optische Anker geistiger Verstaubtheit und Orientierungslosigkeit in einer sich rasant verändernden Welt.

Nachdem der Stiftung schon einzelne Kuratoriumsmitglieder davongelaufen sind, hat nun auch die Verfasserin des Ausstellungskonzeptes, Frau Schultz, das Weite gesucht. Kein Wunder. Denn wer will schon dauerhaft für einen ungeliebten Ort arbeiten, für den es keine wirkliche Unterstützung in der Bevölkerung gibt. Das stetig mangelnde Spendenaufkommen ist doch ein Indiz für diesen Mangel. Gleichzeitig zeugen das Bürger*innenbegehren und die Abstimmungen zum Bürgerhaushalt seit vielen Jahren von der Ablehnung großer Teile der Stadtbevölkerung.

Das Gebaren der Stiftung und des Kuratoriums sind ein anderer Grund, weshalb kein/e Ortskundige/r für das Projekt tätig sein will. Die mit dem letzten Beschluss zur Schau gestellte Kompromisslosigkeit (Teilabriss des RZ nach 2023, obwohl keine Bautätigkeit ansteht) und Scheinheiligkeit (in Bezug auf den Erhalt das denkmalgeschützte Mosaik) erscheint für gute Leute keine erstrebenswerte Arbeitsatmosphäre. (s.a. http://potsdam-stadtfueralle.de/2021/06/30/auslaufmodelle/)

Inhaltliche, kommunikative und demokratische Defizite der Stiftung wurden schon früher ersichtlich (hier ein kleiner Auszug!):

Ein Kommentar

  1. Zur Abwechslung mal ein Blick von außen (Süddeutschland): mir völlig unverständlich, wie der Wiederaufbau der Kirche (bzw. erst
    des Turms) derartig viel Hass hier erzeugt. Die Kirche wurde nicht unter Adolf Nazi erbaut (auch wenn das schlichte Gemüter inzwischen vielleicht denken). In Ludwigsburg wurde die frühere Garnisonkirche in Friedenskirche umbenannt – kein Mensch regt sich hier auf. In Potsdam dagegen erheben einige das grottenhässliche Rechenzentrum zur Ikone der DDR-Architektur… Nur mal zur Erinnerung: die wiederaufbaufähige Ruine der Garnisonkirche wurde von den DDR-Kommunisten (wie auch die Leipziger Paulinerkirche) gesprengt! Hätte man alle beschädigten Bauten, die Hitler missbrauchte, nicht wieder aufbauen dürfen, hätte man das beschädigte Brandenburger Tor und den Berliner Dom auch sprengen müssen. Das taten nicht mal die DDR-Machthaber.

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