„Gebt Fritzens Beinen die letzte Ruh` – und packt den Militarismus auch gleich dazu!“

Morgen jährt sich das Spektakel um die Umbettung zweier Preußenkönige zum 30sten Male. Der Begräbniskult war ein Tiefpunkt der Demokratie und der Souveränität der Republik sowie der Startschuss für die Verklärung der Könige und die Re-Historisierung dieser Stadt.

Der Errichtung des Glockenspiels an der Plantage am 14.April 1991 im Beisein der Hohenzollern und der Landesregierung folgte am 17.August die staatsaktähnliche Überführung zwei Königssärge nach Potsdam. Mit Bundeskanzler Kohl als Pate des nationalistischen Hochfestes. Als „Die Heimkehr der Könige“ war das aristokratische Spektakel und die Berichterstattung oftmals überschrieben.

„Man bringe mich beim Schein einer Laterne…nach Sanssouci und bestatte mich dort ganz schlicht auf der Höhe der Terrasse rechterhand, wenn man aufsteigt.“ So hat es Friedrich II. selbst verfügt.  Allerdings dauerte es über 200 Jahre nach seinem Tod am 17. August 1786 bis er bzw. das was von ihm übrig war, dort ankam. Sein letzter Wille wurde von seinem Neffen (dem Thronfolger) Friedrich Wilhelm II. ignoriert. Er ließ den großen Onkel gegen dessen Willen mit Pomp in der Potsdamer Garnisonskirche bestatten. Vor den Bomben des Zweiten Weltkriegs müssen die Gebeine erst in ein Kalibergwerk, dann nach Marburg ausweichen. Zwei Befehle Hitlers sorgten für die für- und vorsorgliche Behütung. 1952 holen die Hohenzollern die Ahnen heim auf ihre Stammburg in Schwaben. Zuvor schlugen die Anwälte der Hohenzollern allerhand Kapriolen, um einen privatrechtlichen Anspruch zu konstruieren. Die erneute Störung der Totenruhe erfolgte gegen den Willen der Kirchenoberen in Marburg. Nach der Wiedervereinigung reist der Sarg des „Alten Fritz“ als Stückgut mit der Deutschen Bahn zurück nach Potsdam. Mit ihm sein verhasster Vater, der Soldatenkönig mit Zustellort: Mausoleum Friedenskirche.

Am 17.August 1991 quoll die Stadt über vor Besucher*innen. 80.000 Menschen kamen um dabei zu sein, wenn Kanzler Kohl und hochrangige Militärs aller Waffengattungen, den Monarchen und Feinden der Demokratie die letzte Ehre erwiesen. Etwa 300 Journalisten aus dem In- und Ausland waren angereist. Vorangegangen waren erhitzte Debatten. Populärhistoriker wie Guido Knopp oder Christian Graf von Krockow sowie das als „Kohlscher Haussender“ empfundene ZDF, hatten um Verständnis für den Umzug der sterblichen Überreste geworben. Schwergewichte wie der CDU-Mann Golo Mann (Sohn von Thomas Mann) oder die ostdeutsche Friedrich-Biografin Ingrid Mittenzwei waren eher dagegen. DER SPIEGEL lief zur sarkastischen Hochform auf. Sebastian Haffner (der 1978 die „Anmerkungen zu Hitler“ veröffentlichte) warnte sogar, hier werde „ein neuer Tag von Potsdam inszeniert“ und stellte damit eine Kontinuität zu dem Staatsakt am 21. März 1933 in der Potsdamer Garnisonkirche her, bei dem sich Hitler als Wahrer des Preußentums inszenierte. Gegendemonstranten hielten Schilder hoch, auf den der Alte Fritz, Bismarck, Hitler und Kohl als geschichtliche Kontinuitätslinie zu erkennen waren.[siehe oben; [1]

Der rechte, in ein schwarz-weißes oder schwarz-weiß-rotes Fahnenmeer gehüllte Mobb, Uniform- und Anzugträger, Burschenschaftler und alte graue Männer mit Gehstöcken reagierten lautstark und gewalttätig gegen diese Demonstration. Ebenso gegen die Männer in Ballkleider, die daran erinnerten, dass Friedrich II homosexuell war. Regelrecht eingeschlagen wurde auf eine Gruppe von Sargträgern (mit einem uniformierten, Totenmaske tragenden Alten Fritz darin), die es schafften, am Defilee der aufgebahrten Särge teilzunehmen. Mit „Gebt Fritzens Beinen die letzte Ruh` – und packt den Militarismus auch gleich dazu!“ war das Flugblatt überschrieben, welches der „tote König“ und die Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär verteilten.

Im Westen wie Osten des „IV. Reiches“, wie das erstarkte Deutschland in vielen Publikationen damals genannt wurde, war Friedrich II zu einer Projektionsfigur nationaler Sehnsüchte und Stimmungen geworden. Schon 120 Jahre zuvor, während der Gründung des protestantisch-preußisch geprägten Nationalstaats von 1871 waren diese Projektionen am deutlichsten ablesbar. Die Geschichte der Hohenzollern erschien vor dem Szenario der Kaiserproklamation Wilhelms I. als Vorgeschichte der Reichsgründung und Friedrich der Große als Stifter und Ahnherr des Reichs. Beim Zweiten wie beim Dritten Reich. 30 Jahre nach dem Sargspektakel ist der Adel präsenter denn je. Speziell die Hohenzollern sorgen hier für Schlagzeilen.  Eigentlich gibt es den Adelsstand in Deutschland offiziell schon seit hundert Jahren nicht mehr. Titel wie Fürstin, Herzog, Graf und Prinzessin dürfen nur noch als Teil des Nachnamens verwendet werden. Wozu eigentlich, wenn doch alle vor dem Grundgesetz gleich sind? Über Standesdünkel wird öffentlich kaum noch geredet. Anderseits erleben wir immer öfter den sprachlichen Hofknicks vor einzelnen Personen. Anreden wie „Seine königliche Hoheit“ sind Ausdruck mangelnder Souveränität und Negierung der demokratischen Grundordnung, für die die öffentlichen Einrichtungen eigentlich stehen sollten. Adel existiert noch immer in einer Art Parallelgesellschaft. Adel lebt davon, sich herauszuheben und von Menschen, die dies reflektieren und als Differenz akzeptieren. Leider.

Es diskutiert aktuell die Gesellschaft, besonders in Berlin und Brandenburg, die Frage ob und wie die Hohenzollern damals dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet haben. Seitens zahlreicher Historiker*innen gibt es daran keinen Zweifel. Es wird Zeit, das die juristische Aufarbeitung abgeschlossen wird und dann der geschichtlichen Verklärung in unserer Republik ein Ende gesetzt wird.



[1] das Bildnis entstammte dem Huffel-Plaktat „endlich – Postrevolutionäre Kunst im IV. Reich“. – (Plakat zur Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst im Lapidarium Berlin, 3.12.1990 – 4.1.1991, mit Porträts von Friedrich II. von Preußen, Otto von Bismarck, Adolf Hitler und Helmut Kohl).

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