„Blinder Fleck der Hohenzollern“

Wir haben Schuld auf uns geladen, wollen uns aber versöhnen. Klingt nach Garnisonkirche, scheint aber auch die neue Taktik unseres Potsdamer Sorgenprinzen, Georg Friedrich Prinz von Preußen zu sein. Er sei über Rolle der Familie in Nazi-Zeit „erschüttert“. „Ich sehe mich und meine Familie bei der Aufarbeitung der dunklen Kapitel unserer Geschichte in der Verantwortung“, sagte er am Mittwochabend bei der Präsentation des Buches „Der Kronprinz und die Nazis – Hohenzollerns blinder Fleck“ in Berlin. „Dunkles Kapitel“ – welche verharmlosende Formulierung. Auch diese erinnert an die Stiftung Garnisonkirche. Zu den Antworten auf die Fragen: Worum es geht, wer wem hilft und wer dagegenhält …

… geht es hier. Worum geht es?

Die Buchaktion ist von Relevanz für die Vermögensauseinandersetzung der Hohenzollern mit der öffentlichen Hand um Kunstschätze und Entschädigungen. Denn wer dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet hat, hat keine Ansprüche auf Rückübertragung enteigneten Besitzes. Die Historiker*innen-Meinung ist da sehr einhellig. Nun schwenkt auch der Prinz ein, um ggf. noch vor einer gerichtlichen Entscheidung, an einige Güter heranzukommen. Deshalb wirft er Prinz neuerdings die Frage nach der grundsätzlichen Legitimität von historisch gewachsenem Privateigentum auf. Das dieses auch auf Eroberung, Krieg und feudaler Ausbeutung basiert, wird gern weggelassen.

Wer hilft wem?

Das neue Buch von Machtan, mit dem der Prinz befreundet ist, und bei dessen Buchvorstellung auch Altmaier und der Prinz sehr redselig waren, trägt den Titel „Der Kronprinz und die Nazis – Hohenzollerns blinder Fleck“. Es bleibt der Verdacht, dass das Werk eine Gefälligkeit darstellt, auch wenn die SZ meint „Lothar Machtan zeichnet Wilhelm als politischen Idioten“.[0] Oder gerade deshalb, denn die SZ kommt zum Fazit, dass Machtans Schlussfolgerung nicht überzeugend ist. Laut Machtan habe der „eigentliche Sündenfall“ des Prinzen erst nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 begonnen, als er mit seinem berühmten Namen heftig für das neue Regime warb. „Dies wäre dann ja keine Vorschubleistung mehr gewesen, sondern nur das nachträgliche und törichte Anbiedern eines politisch Verirrten, der sich davon Vorteile erhofft: So wird Wilhelm quasi zur politischen Gratisressource des angehenden Diktators, aus der sich das Regime eine Zeit lang gern bedient, ohne sich damit zu irgendetwas zu verpflichten.“

Es mehren sich mediale Produkte, die dem Prinzen bei seiner neuen Strategie Vorschub leisten. Vor einigen Wochen sendete arte einen Beitrag unter dem Titel „Die Schätze des Kaisers vor Gericht. Das Ringen um das Vermächtnis der Hohenzollern geht weiter“. Ist noch in der Mediathek.

Der aufschlussreichste Moment des 36-Minuten-Beitrags ist 11 Sekunden vor Schluss zu sehen: Regie Tita von Hardenberg. Es bestätigt sich im Abspann der Gesamteindruck des Beitrages, dass es sich bei der Reportage um eine Gefälligkeitsarbeit zu Gunsten des in die Kritik geratenen Sorgenprinzen handelt. Die Hardenbergs und die Hohenzollern sowie Preußen waren und sind eng miteinander verknüpft. Adel verpflichtet scheinbar auch zu derartiger Solidarität. 1996 erhielt die Familie Hardenberg, da sie auch von den Nationalsozialisten enteignet worden war, ihren Besitz zurück. Auch das Schloss Hardenberg, welches zeitnah dann an den Deutsche Sparkassen- und Giroverband gewinnbringend verkauft wurde, zeugt heute noch davon.

Wer hält dagegen?

Auf Grund dieser Konstellationen hilft manchmal ein Blick über den Gartenzaun der Deutschtümelei. Oder ein Blick von außen. Die FAZ machte im April auf ein neues Buch zum Thema aufmerksam.[1] Der Titel des Beitrages lautet: „Von den Unempfindlichkeiten gegen historische Realitäten: Drei niederländische Historiker werfen einen Blick auf die deutsche Debatte um die Ansprüche der Hohenzollern an den Staat.“

Sehr lesenswert. Lesen bildet! Parallelen tuen sich auf: „In der Rückschau offenbart der Vorgang genau jene Doppelstrategie aus freundlicher Kontaktaufnahme und juristischer Härte, die auch für den Umgang der Hohenzollern mit ihren deutschen Verhandlungspartnern und Kritikern typisch ist. Dass eine Rückgabe ihres Vorkriegseigentums in den Niederlanden nicht durchzusetzen war, hatte sich schon 1946 gezeigt. Dennoch versuchte es die Familie immer wieder, und sie griff dabei zu Argumenten, die, freundlich gesagt, eine gewisse Unempfindlichkeit gegenüber historischen Realitäten verraten.“

Doch auch hier gibt es lesenswerte Artikel. Der jüngste Beitrag von Thorsten Metzner im Vorfeld der eingangs erwähnten Buchpräsentationen gehört dazu.[2] Es wird Zeit, dass es ein juristisches Urteil gefällt wird und somit der „blinde Fleck der Hohenzollern“ aufgeklärt wird. Denn dann kann auch die moralische Aufarbeitung weitergehen und die „dunklen Kapitel“ durchleuchtet werden, um Schuldige beim Namen zu nennen.

>>>>>>> Quellen

[0] https://www.sueddeutsche.de/kultur/hohenzollern-adolf-hitler-entschaedigung-kronprinz-wilhelm-1.5384901

[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/neues-buch-ueber-die-hohenzollern-und-das-dritte-reich-17306940.html

[2] https://www.pnn.de/brandenburg/showdown-im-hohenzollern-konflikt-zieht-georg-friedrich-von-preussen-konsequenzen-aus-ns-verstrickungen-seiner-vorfahren-/27526948.html

Ein Kommentar

  1. Dass bei dem Propagandafilm „Die Schätze des Kaisers vor Gericht. Das Ringen um das Vermächtnis der Hohenzollern geht weiter“ die Regie Tita von Hardenberg geführt hat bestätigt einmal mehr: die Netzwerke aus Adel, evangelischer Kirche und Militär halten zusammen, wie schon im zweiten und dritten Reich. So auch bei dem Wiederaufbau der Garnisonkirche.

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