Die Kulisse bröckelt

Eine Gelegenheit, einmal mehr kund zu tun, dass wir das Schloss nie wollten und auch nicht schön finden.

An der Kopie des Stadtschloss bröckelt es: „An mehreren Stellen der Ost-, West- und Südfassade sowie an einer Stelle im Innenhof“ wurden am Landtagsgebäude Schäden am Sandstein des Gesimses festgestellt. Nach Angaben der Landtagsverwaltung handelt sich dabei um Risse und Abbrüche vom Sandstein. In Abstimmung mit der Stadtverwaltung Potsdam wurden die betreffenden Bereiche mit Flatterband und Bauzäunen abgesperrt. Auch im Innenhof flattert aktuell Absperrband.

Dies vermeldeten MAZ und PNN bereits Anfang Juli. Mittlerweile wurde ein Dachschaden als Ursache des Zerfalls ausgemacht.

Die Bauschäden sind nicht unser Problem. Aber sie sind eine gute Gelegenheit noch einmal zu bekunden, dass diese Schlosskopie ein Puzzle in der Barockisierung der Stadt darstellt und mit dem Bau ein gesellschaftlicher Wandel einhergeht. Ein souveräner Landtag hätte der Kulisse nicht bedurft. Demokratie sollte sich keinen monarchistischen Mantel geben. Wäre der Landtag in ein bestehendes Schloss gezogen, wäre es ein Akt der Konversion. So ist es aber nur Un-Souverän. Die goldene Figurentreppe – und deren Zuspruch durch die Landtagspräsidentin – toppt diese politische wie geschichtsvergessene Fehlentscheidung noch. Sie bildet den glänzenden Höhepunkt der Peinlichkeit. Ich schäme mich für „unser“ Parlament.

Gegen den Bau der Schlosskulisse gab es viel Kritik. Heute behaupten die damaligen Befürworter*innen, dass diese verstummt sei und alle das Geschaffene schön finden. DEM IST NICHT SO! Es macht nur wenig Sinn, die Kritik täglich zu wiederholen, wenn bereits Tatsachen geschaffen wurden. Den aktuellen Anlass – die bröckelnde Fassade – nehmen wir deshalb wahr, um unsere Kritik an Bau und an dem bestehenden Objekt zu wiederholen.

Das Jahr 1991 war im Osten der erweiterten Bundesrepublik neben dem wirtschaftlichen Niedergang und dem Ausverkauf des Volksvermögens, gekennzeichnet von der kulturellen Umgestaltung. Neue Werte, die sich meist als alte entpuppten, sollten in den neuen Bundesländern Einzug halten. Gleichzeitig sollte das ausradiert werden, was an die sozialistische Vergangenheit erinnert. Fast ein Wettstreit zu Umbenennungen, Denkmalstürmerei und Verdrängung begann. Was dies an kultureller Veränderung, an Rechtsruck und sozialer Ausgrenzung auslöste, war damals nur zu erahnen. Das „Schloss“ ist Teil dieser Epoche. Im April 1991, wenige Tage vor der Einweihung des rechtsradikal geprägten Glockenspiels an der Plantage, beschlossen die Stadtverordneten den Abriss des Theaterrohbaus auf dem Alten Markt. Baufreiheit für das Schloss sollte geschaffen werden. Später wurde durch eine bei einer Bürger*innenbefragung die Minderheit zur Mehrheit erklärt und der Weg endgültig frei gemacht für das „Landtagsschloss“.

Die Stadtoberen wurde ebenso wie die Retro-Fetischist*innen nie müde, den Alten Markt als das „Herz der Stadt“ zu deklarieren. Wenn dies das Herz unserer Stadt ist, dann ist Potsdam ein Fall für die Pathologie! Einen toteren Platz als diesen haben wir nur am Neuen Markt. Die Aufenthaltsqualität des Platzes und die Institutionen hinter den Kulissen laden zu kurzen Besuchen aber nicht zum Verweilen ein. Schon gar nicht für die Potsdamer*innen.

Jedes bröckelnde Fassadenteilchen sollte als Anstoß zum Nachdenken begriffen werden, ob wir diesen Disneyland-Kurs fortführen wollen. Die Stadt ist kein Museum. Und viele Potsdamer*innen wollen nicht die freilaufenden Inventare in einer von Kulissen geprägten Sehnsuchtswelt des Gestern sein!

von Oskar Werner

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