Am Freitag, den 13. Februar 2026 wird in einer Vertreterversammlung der Wohnungsgenossenschaft „Karl Marx“ über den geplanten Verkauf von fast 400 Wohnungen in Potsdam gesprochen.
Wir dokumentieren hier einen Beitrag der „Interessengemeinschaft Karl Marx“, in der sich viele Betroffene zusammen geschlossen haben.
Gemeinsam appellieren wir an die Vertreter*innen:
Folgen Sie Ihrem sozialen Gewissen! Stoppen Sie den geplanten Verkauf!
Setzen Sie sich gemeinsam mit den Betroffenen an einen Tisch und finden Sie soziale Lösungen.
Am 17.07.2025 änderte sich das Leben von mindestens 700 Potsdamern und Potsdamerinnen schlagartig. Sie alle erhielten einen Brief von ihrem Vermieter, der Wohnungsgenossenschaft „Karl Marx“ Potsdam eG, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass ihre Wohnungen verkauft werden sollen.
Als Mitglied der größten Wohnungsgenossenschaft Potsdam wog man sich in trügerischer Sicherheit, dass dieses beängstigende Szenario niemals eintreten würde. Es gründete sich eine Interessengemeinschaft, die seitdem versucht, den Verkauf zu verhindern.
Die Genossenschaft plant, alle ihre 397 Wohnungen in der Rechtsform des Wohnungseigentums zu veräußern. Das betrifft alle 165 Wohnungen ihres Bestandes im Stadtteil Babelsberg, 76 Wohnungen im Stadtteil Am Stern und 156 Wohnungen
im Stadtteil Waldstadt 2.
Als Verkaufsgründe gibt die Genossenschaft folgende Punkte an:
Der aktuelle Bestand dieser Eigentumswohnungen erfordert umfangreiche Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen
Die energetische Anpassung der Gebäude mit Blick auf das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 erfordert hohe Investitionskosten
Die Genossenschaft hat nun ein eingeschränktes Stimmrecht in der Wohnungseigentümergemeinschaft
Diese Argumentation ist widersprüchlich und in Teilen wenig nachvollziehbar.
Die letzten größeren Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen wurden in Babelsberg vor rund 30 Jahren durchgeführt. Es ist also nicht verwunderlich, dass die betroffenen Wohnungen nun langsam wieder instandgesetzt und saniert werden müssen. Die betroffenen Wohnungen in Waldstadt 2 sind bereits saniert und instandgesetzt. Eigentümer zahlen monatlich ein sogenanntes Hausgeld und Nutzer ihre Miete. Ein angeblicher Sanierungsstau widerspricht eigentlich dem Grundprinzip einer vorausschauenden Bewirtschaftung. In Objekten mit Eigentümergemeinschaften sind Rücklagen objektweise zurückzulegen. Sanierungen wären aus den jeweiligen Rücklagen zu stemmen, nicht aus der Gesamtwirtschaft der Genossenschaft.
Die Wärmewende wiederum ist ein politischer Prozess. Sie befindet sich derzeit in einer politischen Neuordnung, sowohl auf Bundes- als auch auf kommunaler Ebene. Für einzelne Bestandsgebäude lassen sich aktuell keine verlässlichen langfristigen Kosten ableiten. Ein Verkauf vor zukünftigen Unwägbarkeiten wäre daher voreilig.
Der Vorstand der Genossenschaft betont in jedem Interview, dass die Finanzen der Genossenschaft solide sind. Es werden Überschüsse erwirtschaftet, die Eigenkapitalquote steigt und die Zinsbelastungen verringern sich in den Bilanzen. Auf Einnahmeseite durch Mitglieder wurden Nutzungsentgelte erhöht. Laut Geschäftsbericht ist der „Mehrwert für Mitglieder“ oberstes Ziel – ein Verkauf von bewohntem, sozialem Bestand widerspricht diesem Auftrag.
Vor allem die Neubauplanung ist völlig widersprüchlich. Einerseits wird mit einem steigenden Bedarf auch der Verkauf der Altbestände begründet. Gleichzeitig konnten die neuen Projekte der Genossenschaft (Turm und Zeile – Zum Kahleberg) nicht ansatzweise mit Mitgliedern belegt werden – sie stehen nun auch Nicht-Mitgliedern offen. Das zeigt deutlich: Wenn neue Wohnungen weder von Mitgliedern nachgefragt noch zuverlässig vermietet werden können, stellt dies das Argument eines „notwendigen Verkaufs von Altbestand“ in Frage.
Bei der Vertreterversammlung am 25.06.2025 beschlossen die Vertreter der Genossenschaft den hier dargestellten Verkauf. Die Methoden der „Karl Marx“, um diesen Beschluss durchzubekommen, halten wir für äußerst fragwürdig und undemokratisch. Die Vertreter wurden in Vorgesprächen, die in Gruppen stattfanden, eine bis zwei Wochen vor der Vertreterversammlung zum ersten Mal über die Verkaufsabsicht der betroffenen Wohnungen informiert. Obwohl bei der Vertreterversammlung von Seiten einiger Vertreter um eine Vertagung dieses komplexen Beschlusses gebeten wurde, weil sie sich nicht ausreichend informiert fühlten, wurde am 25.06.2025 abgestimmt. Zwei Drittel der anwesenden Vertreter waren für den Verkauf, ein Drittel dagegen. Eine erhebliche Zahl an Vertretern war gar nicht anwesend oder hatte sich vorher nicht informieren können.
In den folgenden Pressemitteilungen und persönlichen Gesprächen versteckt sich die Genossenschaft dann hinter diesem Beschluss ihrer Vertreter. Diese hätten das nun mal entschieden.
Als Entgegenkommen und zur sozialen Absicherung hat die Genossenschaft Schutzklauseln für die Betroffenen erarbeitet, die folgende Punkte enthalten:
Betroffene und deren Angehörige 1. Grades haben ein Vorkaufsrecht
Kauft man seine eigene Wohnung nicht, so ist man vor Mieterhöhung und Kündigung durch Eigenbedarf des neuen Eigentümers für 5 Jahre geschützt
Betroffenen werden zum Zeitpunkt des Kaufangebotes 3 gleichwertige Wohnungen im Bestand der Genossenschaft angeboten mit einem 5-jährigen Beibehalt einer geringeren Nutzungsentgelthöhe
Umzugskosten und umzugsbedingt entstehende Kosten werden in angemessener Höhe übernommen
Dadurch sind die Mieter zumindest nicht von Obdachlosigkeit bedroht. Trotz alledem bleibt der Punkt der Verdrängung. Besonders hart trifft es die Betroffenen im Stadtteil Babelsberg weil es dort keinen weiteren Wohnungsbestand der Genossenschaft gibt. Für Familien, ältere Menschen, Alleinstehende oder Berufstätige sind ihre Wohnungen mehr als ein Objekt: Sie sind Zuhause, Lebensraum, gewachsene soziale Strukturen. Sie sind Nähe zu Schulen, Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten, Freundschaften und Alltag.

In den Leitlinien des Beschlusses zum Verkauf dieser Wohnungen befindet sich ein Punkt, der besonders große Sorgen bereitet. Dort heißt es: „Für den Fall des Eintretens unvorhergesehener Umstände, die einer Realisierung des Verkaufs nach vorstehenden Grundsätzen erheblich erschweren oder gar verhindern, bleibt vorbehalten, die Grundsätze insbesondere hinsichtlich der Organisation des Verkaufs zu ändern.“
Im Grunde heißt dies: Die Schutzklauseln finden unter Umständen gar keine Anwendung!
Anders als von Seiten der Genossenschaft behauptet, wurden die Mieter beim Einzug in diese Wohnungen nicht explizit darauf hingewiesen, welche Folgen das für die Nutzer haben kann. In neueren Nutzungsverträgen ist zwar von einer Eigentumswohnung der Genossenschaft die Rede, doch was das bedeutet, war wohl kaum Jemandem bewusst.
Auch anders als von Seiten der Genossenschaft behauptet, gab es bisher für Betroffene keine Möglichkeit mit der Genossenschaft über den geplanten Verkauf zu sprechen. Anfragen von der Interessengemeinschaft wurden nicht beantwortet. Als Einzelperson bekam man lediglich Antworten auf Verständnisfragen in Bezug auf einen Umzug oder den eventuellen Erwerb seiner Wohnung erklärt. Auch Preise und Konditionen dafür wurden nicht genannt.
Betroffene, die sich bisher nicht für einen freiwilligen Umzug oder einen eventuellen Kauf entschieden haben, warten nun seit dem Erhalt der Verkaufsbenachrichtigung am 17.07.2025 auf weitere Informationen der Genossenschaft.
Sie werden mit alldem alleingelassen, können nicht mehr schlafen und müssen täglich damit rechnen, dass es nun losgeht mit dem Verkauf. An manchen Tagen ist dieser Druck kaum aushaltbar.
In den vergangenen Monaten ist es der Interessengemeinschaft gelungen, zahlreiche Betroffene zu mobilisieren und alle Potsdamer Stadtteile zu besuchen, in denen die Genossenschaft Wohnungen besitzt. Dort hat sie Unterschriften von Genossenschaftsmitgliedern gesammelt, um den Beschluss zum Verkauf der 397 Wohnungen zu stoppen. Dabei konnten sie mehr als ein Zehntel der laut Satzung erforderlichen Mitglieder als Unterstützer gewinnen und so die Einberufung einer außerordentlichen Vertreterversammlung erreichen. Zusammen mit den eingereichten Unterschriften, übergab die Interessengemeinschaft einen Antrag mit zwei Beschlussvorlagen an die Genossenschaft.
Siehe Anlage: Anschreiben an die Vertreter*innen
Beschlussvorlage 1 sah vor, dass der Verkauf gestoppt werden muss.
Beschlussvorlage 2 war ein Kompromissvorschlag. Es dürfen nur leerstehende oder leerwerdende Wohnungen verkauft werden. Außerdem dürfen Nutzer oder deren Angehörige ersten Grades die eigene Wohnung kaufen.
Da die Mitglieder auf den Unterschriftenlisten jedoch „lediglich“ für eine Prüfung und Diskussion des Beschlusses zum Verkauf unterzeichnet haben, lehnt die Genossenschaft aus formalen Gründen den Antrag auf Beschlussfassung bei der außerordentlichen Vertreterversammlung ab.
Die außerordentliche Vertreterversammlung wird also nur eine Informations- und Diskussionsveranstaltung.
Geplant ist diese außerordentliche Vertreterversammlung am Freitag, den 13.02.2026. Laut Aussage eines Anwaltes hätte die Genossenschaft die o.g. Beschlussfassungen durchaus für die geplante außerordentliche Vertreterversammlung aufnehmen können.
Deshalb appellieren wir an alle gewählten Vertreter der Genossenschaft „Karl Marx“ sich noch einmal mit unserem Ansinnen zu beschäftigen und gemeinsam einen Weg zu finden, die den Bedürfnissen der Betroffenen – wie auch der Genossenschaft gerecht wird!
Als Betroffene und Interessengemeinschaft haben wir in den letzten Monaten viel Unterstützung aus der Stadtgesellschaft erfahren. Uns wurde deutlich, welch gravierende Folgen dieser geplante Verkauf für den Wohnungsmarkt in der Stadt Potsdam hat. Manche Zusammenhänge sind nahezu absurd.
Seit Fertigstellung der Bauten in der Potsdamer Mitte, stehen Gewerbeflächen und Teilgewerbeflächen leer. Rechnet man die fehlenden Mieteinnahmen zusammen so kommt man auf eine monatliche Summe von rund 31.000 Euro. Das entspricht einer Gesamtsumme von rund 527.000Euro. (anmietbar sind diese Objekte seit Oktober 2024- also seit 17 Monaten Leerstand) Es gibt die bittere Vermutung, dass auch dafür die Eigentumswohnungen verkauft werden müssen.
Der Verkauf unserer Wohnungen wird gleichzeitig spürbare Auswirkungen auf den lokalen Wohnungswohnungsmarkt und die soziale Struktur der Stadt haben. Vor allem in den betroffenen Stadtteilen wäre der Effekt deutlich spürbar. Dort kann der Verlust von bezahlbarem, gemeinwohlorientiertem Wohnraum zu steigenden Mieten, höherem Druck im unteren Marktsegment und einer zunehmenden Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte führen. Mit dem Rückgang genossenschaftlicher Bestände würde Potsdam langfristig einen wichtigen stabilisierenden Faktor verlieren, der bisher für moderate Mieten und soziale Durchmischung sorgt. Dadurch steigt die Abhängigkeit vom privaten Wohnungsmarkt, was es der Stadt erschwert, eine sozial ausgewogene Wohnraumpolitik sicherzustellen.
Insgesamt bedeutet der Verkauf eine schleichende Verschärfung sozialer Ungleichheiten und eine Schwächung der bezahlbaren Wohnraumversorgung in Potsdam. Es bleibt eine große Unsicherheit, ob die Genossenschaft „Karl Marx“ nicht weitere Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt, dass sie nicht eines Tages weitere Wohnungen verkaufen wird, um Liquidität zu sichern.
Was am Ende übrig bleibt, sind Menschen, die sich seitdem mit Ängsten, Druck und schlaflosen Nächten quälen. Menschen, die zum Teil noch Aufbaustunden für ihre Wohnungen leisteten. Menschen, die seit vielen Jahren pünktlich ihre Miete zahlen, von der Gelder in andere Objekte der Genossenschaft gesteckt wurden und heute scheinbar fehlen, um sie in die Sanierung ihrer eigenen Wohnungen zu stecken. Während es also in den letzten 30 Jahren wirtschaftlich war, diese Gelder für andere Sanierungen zu nehmen, so ist es heute unwirtschaftlich, diese Wohnungen zu behalten – und uns unseren Lebensmittelpunkt.
Interessengemeinschaft „Karl Marx“

Bleiben 2 wichtige Fragen:
Haben die Vertreter vor oder nach ihrer Beschlussfassung mit genügend anderen Mitmietern, Nachbarn oder Betroffenen gesprochen? (Immerhin erhielten sie doch bei der letzten Vertreterwahl von ihnen das Vertrauen!)
Oder
vertrauten sie möglicherweise zu schnell und unüberlegt dem Beschluss von Aufsichtsrat und Vorstand der Genossenschaft Karl Marx?