Das Steuben-Denkmal steht für Kolonialismus und Frankophobie des Deutschen Reiches. Die Versetzung des US-amerikanischen Geschenkes von 1911 ist in Anbetracht der aktuellen Politik der Trump-Regierung ein fatales Signal. Die Entscheidung der Oberbürgermeisterin ist ein falsches Bekenntnis zur deutschen Geschichte und zur aktuellen Weltlage.
Ein Kommentar von Carsten Linke
Ein Symbol des Kolonialismus
Das Steuben-Denkmal wurde in Potsdam am 2.September 1911 aufgestellt. Das Deutsche Kaiserreich fühlte sich auf einem Höhenflug der imperialistischen Ausdehnung. Ebenso die damals noch wenig bedeutsame USA. In den Jahren zuvor hat man gemeinsam seine Interessensphäre in China ausgeweitet. Das Deutsche Reich hatte sich 1897/1898 endgültig in China, in der Bucht von Kiautschou festgesetzt. Das „Schutzgebiet Kiautschou“ (heute Qingdao) war das deutsche Hongkong. Den Chinesen abgepresst für 99 Jahre.
Es folgten der „Boxeraufstand“, die „Hunnenrede“ des Deutschen Kaisers und der militärische Feldzug der Eroberer (USA, England, Frankreich, Deutschland, Russland, Italien, Österreich-Ungarn und Japan). Nach dem Erfolg der Invasion entwickelte sich diese zu einer Strafexpedition. Der aus Potsdam stammende preußische Offizier, Alfred Graf von Waldersee, hatte 1900/1901 den Oberbefehl über die Interventionstruppen, die beim Feldzug auf Peking vor allem aus amerikanischen und deutschen Truppen bestanden. Im Ergebnis wurde der preußische Offizier Graf v. Waldersee Stadthalter, der von den Amerikanern besetzten Region in und um Peking.
Der deutsch-amerikanische Einfluss endete dort 1911 mit der Revolution in China.
Zuvor (1905) feierte das Deutsche Reich seine Eroberungen in Asien mit der Benennung eines Platzes in der Reichshauptstadt Berlin in Peking-Platz (heute Pekinger Platz). Der Pekinger Platz im Wedding bezieht sich auf eine nach dem Angriff auf die Dagu-Forts erfolgte Besetzung und anschließende Besatzung Pekings.
Um sich über die amerikanische Geste an den Deutschen Kaiser bewusst zu machen, müssen diese Entwicklungen in China und die Geschehnisse des Jahres 1911 reflektiert werden. Ohne den geschichtlichen Kontext der Denkmalaufstellung, ist das amerikanische „Geschenk“ nicht richtig einzuordnen.
1911: Die zweite Marokkokrise ereignete sich, nachdem französische Truppen die Städte Fès und Rabat im Mai besetzt hatten, um den Sultan Mulay Hafid zu unterstützen, der durch Aufstände bedroht war. Diese militärischen Aktionen wurden von Deutschland als Bedrohung seiner wirtschaftlichen und politischen Interessen in Marokko wahrgenommen. Um seine Forderungen nach territorialen Kompensationen durchzusetzen, entsandte Deutschland am 1. Juli 1911 das Kanonenboot Panther nach Agadir. Dies wurde als Drohgebärde interpretiert, um Frankreich zu zwingen, über die Abtretung von Kolonialgebieten zu verhandeln, insbesondere über das französische Kongogebiet. Die britische Regierung reagierte schnell auf die deutsche Aktion, indem sie Teile ihrer Marine mobilisierte und die deutsche Regierung aufforderte, ihre Absichten zu klären. Dies führte zu einer weiteren Eskalation der Spannungen zwischen den europäischen Mächten.
„Letztendlich wurde die Krise durch diplomatische Verhandlungen gelöst, die zu einem Abkommen führten, bei dem Deutschland die französische Vorherrschaft in Marokko anerkannte, im Austausch für die Kontrolle über Teile des Kongos. Diese Ereignisse trugen zur Festigung der Entente zwischen Großbritannien und Frankreich bei und verstärkten die Rivalitäten, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führten.“ [1] Die USA versuchten sich in dieser Phase das Deutsche Reich als strategischen Partner in Europa zu halten.
Ein Symbol der Frankophobie
Das Steuben-Denkmal wurde in Potsdam am 2. September 1911 aufgestellt. Der 2. September ging zuvor als „Sedantag“ in deutsch-französische Geschichte ein. Der Sedantag war ein Gedenktag im Deutschen Kaiserreich (1871–1918). Er erinnerte an die Kapitulation der französischen Armee am 2. September 1870 nach der Schlacht bei Sedan, in der preußische, bayerische, württembergische und sächsische Truppen nahe der französischen Stadt Sedan den entscheidenden Sieg im Deutsch-Französischen Krieg errungen hatten. Nach der Kapitulation seiner Armee hatte sich der französische Kaiser Napoleon III. der persönlichen Gefangenschaft des preußischen Königs Wilhelm I. überlassen.
Anlässlich dieses Tages wurden ab 1871 im ganzen Deutschen Kaiserreich an zentralen Plätzen Siegesdenkmäler errichtet und meist mit feierlichen Zeremonien am Vortag des Sedantages eingeweiht. So auch das Steuben-Denkmal in Potsdam 1911. Als Standort wurde die Fläche vor der Kommandantur der Stadt und neben dem Stadtschloss gewählt. Auch um an die Traditionen und Erfolge des preußischen Militarismus zu erinnern. Alles Zeichen der deutschen „Großmacht“ und der Überlegenheit (und Feindschaft) zu Frankreich. Das Alles wenige Jahre bevor in Potsdam 1914 der Befehl für den 1. Weltkrieg erging und die deutsch-amerikanische Partnerschaft zerbrach.
Ein Symbol zur falschen Zeit
Seitens der Befürworterinnen für die Aufstellung des Steuben-Denkmals auf den historischen Standplatz ist das oft vorgebrachte Hauptargument: „Das Denkmal sei einst als Zeichen deutsch-amerikanischer Freundschaft errichtet worden.“ Als Argumentationshelfer wurden u.a. Siegmar Gabriel (SPD) und der ehemalige US-Botschafter James D. Bindenagel bemüht. [2]. Die MAZ zog mit Einwürfen eines Steuben-Nachfahren, Henning-Hubertus von Steuben, Vorsitzender des Familienverbandes von Steuben nach [3].
Die Denkmalversetzung im Jahr 2026 ist keine Ehrung für Steuben und seine Leistungen, sondern ein fatales Zeichen im Kontext mit der faschistischen Politik der Trump-Regierung: Führerkult, der autoritäre Staatsumbau, zunehmender Rassismus, zunehmende Diskriminierung von Minderheiten und der übersteigerte Nationalismus des „Make America Great Again“. Es gibt Inhaftierungen ohne Haftbefehl, Erschießungen auf offener Straße und einen Präsidenten, der von seinen Anhängern verehrt wird, obwohl er seine eigene „Moral“ über das Gesetz stellt. Selbst deutsche Politikexperten, die lange gezögert haben, sprechen inzwischen von „Faschismus“. Selbst die deutsche Bundesregierung beklagt den Zerfall der NATO und der wertebasierten Weltordnung. US-Regierung regiert und interveniert nach dem Prinzip der Stärke in anderen Ländern der Welt. Das ist nicht neu, hat aber eine neue Qualität, weil es unverblümt passiert und niemand mehr ernsthaft darauf kritisch reagiert.
Der Beschluss der Oberbürgermeisterin kann sehr wohl als Solidarität oder zumindest Konformität mit dieser Politik verstanden werden, denn immerhin handelt es sich immer noch um ein politisches Geschenk des US-Kongresses.
Das Geschenk des US-amerikanischen Kongresses von 1991 in der heutigen Zeit neu zu „inthronisieren“ könnte im Gegensatz dazu als mahnende Geste für die Wahrung der Demokratie in den USA und die Leistung Steubens im Unabhängigkeitskrieg interpretiert werden; als eine Anti-Trump-Geste. Doch dies wäre vorgeschoben und verlogen, weil das Denkmalgeschenk schon 1911 kein Symbol für Demokratie und Freiheit war, sondern eins des Kolonialismus und dem Streben nach einer neuen Weltordnung.
Nicht beachtet wird auch, dass das Deutsche Reich im Gegenzug den Vereinigten Staaten eine Bronzestatue Friedrich des Großen schenkte. Diese Statue steht heute auf dem Paradeplatz des United States Army War College in Carlisle, Pennsylvania. Schon damals ging es nur um militärische Gesten und Vormachtstellungen.
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[1] https://learnattack.de/schuelerlexikon/geschichte/marokkokrisen
[2] https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/baron-von-steuben-in-potsdam-ein-denkmal-der-freiheit-auf-dem-prufstand-14338856.html und https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/steuben-denkmal-in-potsdam-ein-soldner-fur-die-demokratie-14334998.html

Der Kommentar schafft das Kunststück, ein Denkmal für Friedrich Wilhelm von Steuben in Potsdam in eine Art geheime Kommandozentrale des Weltimperialismus umzudeuten. Dass Steuben vor allem als preußischer Offizier im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg diente und bei Valley Forge die Kontinentalarmee ausbildete, wird zur Randnotiz – stattdessen wird das Denkmal von 1911 kurzerhand zur Chiffre für Kiautschou, Boxerkrieg und globale Machtpolitik erklärt.
Historisch wird dabei großzügig gemischt: Der Oberbefehl von Alfred Graf von Waldersee in China wird zur quasi deutsch-amerikanischen Doppelherrschaft über Peking aufgeblasen – tatsächlich war er Oberbefehlshaber eines internationalen Expeditionskorps, nicht Statthalter einer „amerikanisch besetzten Region“. Auch die Behauptung, das Denkmal sei primär ein Symbol anti-französischer Sedantags-Propaganda, ignoriert, dass es sich um ein Geschenk aus den USA handelte, das ausdrücklich auf Steubens Rolle im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Bezug nahm – also eher auf Yorktown als auf Sedan.
Besonders sportlich wird es, wenn die zweite Marokkokrise, das Kanonenboot „Panther“ und die globale Bündnispolitik von 1911 als impliziter Subtext der Potsdamer Einweihung präsentiert werden – als hätte der US-Kongress ein geopolitisches Schachsignal an Paris senden wollen, indem er in Potsdam eine Bronzefigur aufstellt. Das ist ungefähr so zwingend, wie aus der Einweihung eines Spielplatzes auf die Absichten der NATO zu schließen.
Kurzum: Der Text ersetzt historische Einordnung durch Assoziationsketten. Alles hängt mit allem zusammen, und am Ende steht fest: Ein Denkmal von 1911 ist gleichzeitig Kolonialmanifest, Frankophobie-Denkmal und Vorbote aktueller US-Innenpolitik. Historische Komplexität wird dabei nicht erklärt, sondern dramatisch verknotet – was unterhaltsam ist, aber mit seriöser Geschichtsschreibung nur am Rande zu tun hat.
Sie dürfen das Denkmal natürlich gern umsetzen. Wir verstehen es auch nicht als frankophob.
Gruß von einem Franzosen, der sich verbittet, dass sich jemand sein Land für solche verquasten Debattenbeiträge aneignet. Haben Sie uns überhaupt gefragt?
Sehr geehrter Herr Schneider,
das Steuben Verdienste hatte, ist unbestritten. Es geht im Kommentar aber gar nicht um die Person Steuben, sondern um Symbolik.
Steuben ist lediglich die „Figur“ für das Geschenk an den deutschen Kaiser und das deutsche Volk. Dies wird auch in der Inschrift des Denkmalsockels deutlich: „Dem Deutschen Kaiser / und dem deutschen Volke / gewidmet vom Kongress / der Vereinigten Staaten / von Amerika als Wahrzeichen / ununterbrochener Freundschaft / Nachbildung des Denkmals für / General Friedrich Wilhelm / August von Steuben / geboren in Magdeburg 1730 / gestorben im Staate New York 1794 / errichtet in Washington / in dankbarer Anerkennung / seiner Verdienste im Freiheits- / kampfe des amerikanischen Volkes / MCMXI“.
Steuben war zu dieser Zeit schon über 100 Jahre tot. Steuben wurde als Bildnis benutzt, ebenso wie sein Name ab 1957 für eine Trachtenparade deutscher Einwanderinnen ungefragt herhalten musste.
Das Denkmal wurde auch nicht an Steubens Geburts- oder Totestag aufgestellt, sondern am Nationalfeiertag des Deutschen Reiches, dem 2.September – dem Sedantag. Das war keine Entscheidung der USA, sondern der Deutschen. Somit hat das Denkmal sehr wohl die Funktion der Zurschaustellung der neuen Partnerschaft und als Signal an Frankreich.
Diese Interpretation ist auch nachlesbar in einer Stellungnahme des Fachgremiums für Erinnerungskultur der Stadt Potsdam. Diesem Fachgremium gehören zahlreiche HistorikerInnen und WissenschaftlerInnen an. Hier zwei Auszüge aus der Stellungnahme vom 18.April 2024: „Argumente gegen eine Versetzung: Eine Versetzung der Kopie an den ursprünglichen Standort suggeriert eine neuerliche Identifikation mit den damaligen Intentionen der Denkmalsetzung im Jahr 1911 sowie der kaiserlich-preußischen Geschichts- und Erinnerungskultur im damaligen Potsdam. So war das als „Wahrzeichen ununterbrochener Freundschaft“ von der US-amerikanischen Botschaft übergebene Denkmal für die deutsch-kaiserliche Seite und deren Eliten vor allem ein Denkmal, das die preußische Militär-Kampfkunst gegen die Kolonialmächte England und Frankreich heroisierte. Erst im Sommer 1911 hatte – auf persönlichen Befehl Wilhelms II. – die deutsche Marine mit dem Einlaufen eines Kanonenbootes in den marokkanischen Hafen Agadir die zweite Marokko-Krise auf ihren Höhepunkt getrieben. Hier wurde signalisiert, dass das Deutsche Reich die Besitzergreifung Marokkos durch Frankreich, das wiederum mit Großbritannien verbündet war, militärisch nicht widerspruchslos hinzunehmen gedachte. Der Tag der Denkmal-Aufstellung im Garten gegenüber der Kommandantur, der 2. September 1911, war nicht zufällig gewählt. Es handelte sich um den so genannten Sedan-Tag, ein Gedenktag mit militärisch-heroischer Ausrichtung, der im Deutschen Kaiserreich anlässlich der Kapitulation der französischen Armee am 2. September 1870 nach der Schlacht bei Sedan begangen wurde, die den deutschen Sieg im Deutsch-Französischen Krieg besiegelte.“
Und in Bezug auf die deutsch-amerikanische Freundschaft schreibt das Fachgremium Erinnerungskultur: „Als Symbol deutsch-amerikanischer Freundschaft kann die Kopie auch an seinem jetzigen Standort in der Schloßstraße verstanden werden, denn hier wurde sie wenige Jahre nach der Deutschen Einheit aufgestellt, für die sich die damalige Regierung der Vereinigten Staaten in besonderem Maße eingesetzt hatte. Mit Blick auf den Steubenplatz verkörpern hingegen bei allen Unterschieden weder das Deutsche Kaiserreich noch die Vereinigten Staaten von 1911 in ausreichender Weise die Ideale und Werte, die mit unseren heutigen Demokratievorstellungen und dem aktuellen Leitbild der Landeshauptstadt Potsdam korrespondieren, um gegenwärtig daran anzuknüpfen.“
Danke für ihren unterhaltsamen Kommentar Herr Schneider. Leider lebt er vom Verdrehen von Aussagen.
Pingback: Potsdamer Posse um das Steuben-Denkmal
Lieber Herr Linke, ein Pingback zu meinem Artikel existiert hier zwar bereits, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen, Sie persönlich anzusprechen.
Als Historiker empfinde ich Ihre Einlassungen zu dem Thema Steuben-Denkmal als arg verkürzend. Insbesondere blenden Sie den Lebensweg von Steuben komplett aus und bedenken auch nicht, dass es sich hier eben nicht um ein typisches Nationaldenkmal der wilhelminischen Zeit handelt. Zum einen ist die Statue ein Geschenk einer in jenen Tagen sicherlich als Demokratie zu bezeichnenden Nation, zum anderen handelt es sich bei dem Dargestellten um einen amerikanischen Nationalhelden – wenn ich es so verkürzt ausdrücken darf – und erst in zweiter Linie um einen Preußen.
Es spricht meiner Ansicht nach nichts dagegen, das Denkmal an seinen angestammten Platz zu translozieren und dort die notwendige Kontextualisierung vorzunehmen.
Mehr dazu von meiner Seite: https://www.zeilenabstand.net/potsdamer-posse-um-das-steuben-denkmal/
Lieber Herr Kaufmann,
die wesentliche Frage lautet doch: Warum hat der US-Kongress 1911 dem deutschen Kaiser ein Geschenk machen wollen?
Erst sekundär stellt sich die Frage: Warum wurde eine Steubenabbild dafür verwendet?
Und die dritte, für mich eine relevante Frage, lautet: Wie ist das deutsche Kaiserreich, bzw. der beschenkte Kaiser mit dem Geschenk umgegangen?
Die Antworten als Kurzfassung:
1. Warum das Geschenk zu dieser Zeit?
Wenn Sie die erste Frage beantworten wollen, kommen sie gar nicht um den gemeinsamen Feld- und Raubzug in China herum. Es war meines Wissens der erste imperialistische Militäreinsatz der US-Streitkräfte außerhalb Amerikas. Mit preußisch-deutscher Hilfe wurde er zum Erfolg. Die USA war auf der internationalen Bühne angekommen und hatte einen neuen Verbündeten: das Deutsche Kaiserreich. Dafür bedankt sich die USA.
2. Warum Steuben?
Steuben war ein deutschstämmiger Nationalheld. Es kam sogar aus Preußen, dem „Stammland“ des Reiches und Kaisers. Das passte. Kein anderer Deutscher konnte zu der Zeit als Person diese neue amerikanisch-deutsche Freundschaft verkörpern.
3. Was macht der Kaiser mit dem Geschenk?
Er stellt die Statue am 2. September (dem Sedantag) und nicht am 17. September (Steubens Geburtstag) auf. Dem Kaiser ging es also auch nicht um Steuben. Trotz all seiner militärischen Verdienste in Amerika und für Preußen in der Zeit Friedrich II. Steuben wird neben dem Stadtschloss aufgestellt, gegenüber dem Denkmal des Soldatenkönigs und unweit einer Reihe von militärischen Figuren auf der Langen Brücke. Im Stadtschloss hatte die Hohenzollern ihre größte Schmach 100 Jahre zuvor erfahren: Napoleon steht im Okt. 1806 vor dem Preußen-König und erniedrigt ihn im eigenen Schloss. Er lässt sogar Soldaten neben dem Schloss zwangsexerzieren. Hinzu kommt die Marokko-Krise. Es gibt gar keine andere Interpretation, als dass dieses Geschenk vom Kaiser als Signal gegen Frankreich genutzt wurde, um die neue deutsch-amerikanische (Militär-)Allianz zur Schau zu stellen.
FAZIT: Weder der Grund für das Geschenk, noch die Verwendung des Geschenkes im Kaiserreich haben primär etwas mit Steuben zu tun. Steuben ist die instrumentalisierte Figur in dieser Angelegenheit. Das Denkmal hat den faden Beigeschmack von Imperialismus und Frankophobie.
Es gibt m.E. nur zwei Steubendenkmale in Deutschland. Eines in Magdeburg und das in Potsdam. In Magdeburg wird mit dem Denkmal wirklich Friedrich Wilhelm von Steuben gedacht, da es sein Geburtsort ist. In Potsdam wurde Steuben nur instrumentalisiert. 1911 ebenso wie heute.
Noch eine Anmerkung zu ihrem Text.
Sie schreiben bezüglich der Frankophobie-Symbolik: „Ganz im Gegenteil sind für diese These Gegenargumente in der Lebensgeschichte Steubens zu finden. So verdankt dieser dem französischen Kriegsminister den Kontakt zum amerikanischen Botschafter.“ Glauben Sie wirklich, dass den Kaiser die Lebensgeschichte Steubens interessiert hat?
Das ist eine Konstruktion, die jeglicher Kausalität entbehrt. 1. weil es bei der Denkmalaufstellung in Potsdam zum Nationalfeiertag nicht um Steuben ging (sonst wäre es sicherlich 15 Tage später, zu seinem Geburtstag aufgestellt worden) und 2. weil Steuben seinen Dienst in der Preußischen Armee bereits 1762 quittierte (quittieren musste). Genaugenommen blieb ihm nur die Flucht, da ihm eine Anklage wegen homosexueller Handlungen drohte. So zumindest zahlreiche historische Quellen (1)(2). Vereinfacht dargestellt war Steuben in Frankreich ein Soldat auf der Suche nach einer Anstellung. Er war in Amerika ein Söldner der eine neue Betätigung fand.
Außer Frage steht: Steuben hatte Verdienste. Vor allem in den USA.
Es spricht meiner Ansicht nach sehr viel dagegen, das Denkmal an seinen ehemaligen Platz zu versetzen. Wer Steuben gedenken will, kann dies am aktuellen Standort viel besser, als am historischen, belasteten Standort.
Der Geschichte des Ortes werden wir gerecht, wenn wir den Platz neben dem Landtag neugestalten und ihn in Helene-Bürger-Platz umbenennen, um den Ereignissen und Opfern des Kapp-Lüttwitz-Putsch zu gedenken. Diese hatten ganz konkreten Bezug zu diesem Standort und der Stadt. Ganz anders als Steuben.
(1) Bob Arnebeck: Baron von Steuben. 21. Dezember 2009, archiviert vom Original am 22. Oktober 2023; abgerufen am 25. Juli 2025.
(2) Allen Coulson: Baron von Steuben and Homosexuality. 31. Oktober 1999, archiviert vom Original am 3. Februar 2009; abgerufen am 25. Juli 2025 (englisch).
Lieber Herr Linke, danke für die ausführliche Antwort, auf die ich wie folgt zu den einzelnen Punkten reagieren möchte:
zu 1: Es waren insgesamt acht Staaten an den Strafaktionen in China beteiligt. Die Aufstellung des Streuben-Denkmals erfolgte 10 Jahre nach den dortigen Ereignissen rund um den Boxeraufstand. Ich halte den Zusammenhang, der durch keine mir bekannte Primärquelle belegt ist, daher für höchst spekulativ. Zudem konnte es sich kaum um eine geplante Aktion handeln, denn das Geschenk des Steuben-Denkmals war ein kurzfristiger Entschluss des US-Kongresses als Gegenleistung für eine zuvor erfolgte deutsche Schenkung. Ich befürchte, der Wunsch Ihrer Deutung dieses Vorgangs ist der Vater des Gedankens.
zu 2: D’accord! Das spricht doch aber eher dafür, dass das Denkmal an diese langjährige Beziehung zwischen Amerikanern und Preußen erinnern sollte, als für eine Allianz in Sachen Imperialismus und Kolonialismus. Dass wir uns hier in der Hochphase des Kolonialismus bewegen, macht nicht jedes Denkmal dieser Zeit zum Symbol von Kolonialismus. Schon gar nicht, wenn der zeitliche und inhaltliche Bezugspunkt des Denkmals ein ganz anderer ist.
zu 3: Natürlich wird das Steuben-Denkmal in Bezug zu anderen preußischen Größen aufgestellt. Denn in diesen thematischen Kontext gehört es auch. Zum Nationalhelden in den USA wurde Steuben ja gerade wegen dieser preußisch-militärischen Tugenden. Wir müssen aufhören, den Militarismus aus der heutigen Warte ahistorisch zu verurteilen. Das ist nämlich keine historisch-sachbezogene Herangehensweise. Sie bauen zudem Ihre gesamte Argumentation zur Frankophobie auf den 2. September auf. Aber betrachten wir es davon losgelöst, dann ist es doch ein sehr nachvollziehbarer Akt, derartige Denkmäler an einem Nationalfeiertag aufzustellen. Interessant finde ich übrigens, dass das Potsdam Museum berichtet, dass das Denkmal erst im November 1911 aufgestellt wurde: https://www.potsdam-museum.de/de/der-steubenplatz-um-1940 Ich kenne da leider nicht die Primärquellen, aber sollte dies zutreffen, dann bricht Ihre Argumentation an diesem Punkt vollkommen in sich zusammen.
Fazit: Historische Ensembles und Kontexte, die nicht über die Maßen (nach damaligen) Maßstäben belastet sind, sollten nach Möglichkeit wiederhergestellt werden. Die vorgeschlagene Kontextualisierung durch eine Tafel ist dabei ein gutes Instrument, um all Ihre Bedenken nicht ungehört verhallen zu lassen. Ich empfinde solche Kompromisse als höchst erstrebenswert, weil dadurch eben nicht heutige Moralvorstellungen als einzig gültiger Kompass herangezogen werden, sondern die gesellschaftliche Entwicklung in ihrer historischen Bandbreite aufgezeigt werden kann.