Niekischs Scheinwelt

Ein Kommentar zum Vorschlag: „Haus der Religionen“ im Schiff der Garnisonkirche

Die Überlegungen von Wieland Niekisch sind voller innerer Widersprüche und fernab einer Umsetzung. Er plädiert für ein „Potsdamer Pantheon“ und dies sollte möglichst in einem originalgetreu aufgebautem Kirchenschiff realisiert werden. Der CDU-Politiker Wieland Niekisch vereinnahmt für seinen Wunsch nach einer Kopie des Kirchenschiffes ausgerechnet Friedrich II., den Sohn des Soldatenkönigs, des Erbauers der Kirche.

Friedrich II. hielt sich meistens aus den religiösen Angelegenheiten der Untergebenen, der eingewanderten Gruppen oder eroberten Regionen heraus. So zeigte der preußische Staat unter seiner Herrschaft eine gewisse konfessionelle Gleichgültigkeit. Es war daher egal, ob es sich bei den preußischen Untertanen um Katholiken oder Protestanten, Lutheraner oder Calvinisten sowie Juden oder Moslems handelte, solange sie ihre Pflichten dem Staat gegenüber erfüllten und ihn allein als ihren König akzeptierten.

Friedrich II. hat die Garnisonkirche – außer zur Beisetzung seines Vater in der Gruft – nie mehr im Leben betreten. Wer also Friedrich II. und dessen Interesse an der Aufklärung als ernstgemeinten Denkansatz nimmt, kann bei der Lösung nicht auf die Garnisonkirche kommen. Jeder andere Ort der Stadt eignet sich besser, als die Kirche, die sein verhasster Vater gebaut hat.

Warum nun ein interreligiöses Zentrum für „Kunst, Politik und Religion“ in einer ehemals (un-)christlich und zutiefst militärisch geprägten Kirche entstehen soll, entbehrt jedem Toleranzgebot und widerspricht der Idee eines konfessionsübergreifenden Ansatzes. Mit Gottes Segen wurden von dieser Kirche aus, Christen anderer Nationen getötet und das „Schwert Gottes“ gegen nahezu jede andere Religion – bis hin nach Asien und Afrika – erhoben. Und über allem thront die Wetterfahne des Preußenkönigs, die eine klare Kampfansage darstellt. Toleranz und ein religionsübergreifender Ansatz sehen auch äußerlich anders aus. Sinnvoll wäre auch gewesen, erst mit anderen Religionsgemeinschaften zu sprechen, um dann ein religiöses Sammelsurium vorzuschlagen.

Weder Friedrich II, noch der interreligiöse Ansatz eigenen sich dazu, den Bau des Kirchenschiffes zu rechtfertigen oder gar zu fordern. Für einen Historiker eine echte Luftnummer. Bitte mehr Sorgfalt bei der Begründung dieses Unsinns walten lassen, Herr Niekisch. Es wäre viel ehrlicher, wenn Sie schreiben würden, „ich will das Rechenzentrum weghaben“. Egal was dann kommt.

von Carsten Linke

P.S. Wer ein Update zur Garnisonkirche benötigt, kann am Sonntag den 05.12. ins Archiv gehen. Die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche informiert dort ab 16:00 Uhr.

Update Garnisonkirche – Vortrag und Diskussion mit der Bürger*inneninitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche – Archiv Potsdam (archiv-potsdam.de)

P.S.2: Ein lesenswertes Interview mit Mitteschön und Wieland Eschenburg. Letzter sagt „… wir brauchen keinen zusätzlichen Gottesdienstraum in der Stadt“ – deshalb bauen wir die Garnisonkirche wieder auf. Sehr schlüssig! Leider stimmen einige anderen Aussagen nicht. Blöd, wenn man mit Halbwahrheiten hantiert und gleichzeitig den Moralapostel spielt:

Nicht nur eine Kirche, nicht nur ein Turm – Mitteschön! (mitteschoen.de)

2 Kommentare

  1. Merkwürdug, dass eigentlich alle, die sich gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche und für die Erhaltung des banal-hässlichen Baus „Rechenzentrum“ einsetzen, sich überhaupt nicht mit dem Auftraggeber der Kirche Friedrich Wilhelm I („Soldatenkönig!) befasst haben. Dieser König war, ganz anders als die Bezeichnung „Soldatenkönig“ suggeriert, ein entschiedener Gegner aller Angriffskriege (ganz ungewöhnlich für seine Zeit!) und hat – im Gegensatz zu seinem Sohn – nie einen solchen geführt. Nach seiner Thronbesteigung erließ er ein „Hausgesetz“. Hier ein Zitat daraus:

    „ Mein lieber Succeßor bitte ich umb Gottes willen kein ungerechten
    krihg anzufangen und nicht ein agressör sein den Gott die unge-
    rechte Krige verbohten und Ihr iemahls müßet rechenschaft gehben von
    ieden Menschen, der dar in ein ungerechten Krig gebliben ist; bedenk
    was Gottes gericht scharf ist, lehset die Historie da werdet Ihr sehen das
    die ungerechte Krige nicht guht abgelauffen sein als da habet Ihr Lude-
    wig der 14. König in franckreich, der König August aus Pohlen, den
    Kurfürsten zu Bairen zum exempell und noch mehr.“

    Quelle:
    Richard Dietrich (Hrsg.): Die politischen Testamente der Hohenzollern S. 239

    Hat der „Tag von Potsdam“ die Kirche mit dieser Erbauungsgeschichte irgendwie infiziert? Solch magisches Denken liegt mir jedenfalls fern…

  2. Hallo Herr Sieber,
    Selbstverständlich haben sich viele Kritiker*innen mit dem Soldatenkönig auseinandergesetzt. Er war kein Pazifist. Er schuf die militärischen Voraussetzungen damit seine Nachfolger die Kriege führen konnten, die sie führten. War da ein gerechter Krieg dabei?
    Bei der Bewertung der Garnisonkirche und ihrer Symbolik reicht weder die Intension des Soldatenkönigs oder der Tag von Potsdam aus. Rund 300 Jahre Militär- und Preußengeschichte sind zu bewerten. Wahrhaft Christliches ist in dieser Zeit in der Garnisonkirche nicht zu finden.

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