Der symbolische Mittelfinger

Rund 5 Monate ist es her, da haben junge Menschen leerstehende Gebäude auf der Halbinsel Herrmannswerder in Potsdam besetzt.
Die Tornow40 wurde zu einem Symbol für eine verfehlte Wohnungspolitik und den Mut der jungen Leute, den Finger in eben diese Wunde zu legen.
Nun – ein paar Monate später wird klar, auch für die Stadt ist das ein Symbol.
Ihre Antworten auf die Vorschläge und Forderungen der Besetzer*innen:
Strafbefehle und Einfamilienhäuser.

Für alle hier noch mal in der richtigen Reihenfolge:

In Potsdam stehen trotz dramatischer Wohnungsnot Dutzende Häuser und Objekte seit langer Zeit leer. Und nicht wenige dieser Häuser gehören der Stadt oder ihren kommunalen Gesellschaften.
Mit diesem Wissen hatten junge Menschen, die in Potsdam leben und studieren schon einige Zeit versucht, die Stadt zu überzeugen, ihnen solche Räume zum Wohnen und für soziale Projekte zu überlassen.
Erst als deutlich wurde, dass die Stadt dies verweigert besetzten im Mai 2026 zwei Dutzend junge Leute eines dieser leerstehenden Objekte – die Tornow40.
Zuerst signalisierten die Stadt und die neue Oberbürgermeisterin Gesprächsbereitschaft und Verständnis für die Besetzerinnen. Doch nach wenigen Tagen wurde das Objekt dann doch mit einem Großaufgebot der Polizei geräumt. Vorausgegangen waren Treffen der Oberbürgermeisterin mit dem Verfassungsschutz, der trotz der offensichtlichen Gewaltfreiheit und Dialogbereitschaft Linksextremisten am Werk sah. Während Hunderte Nachbar*innen und Menschen aus der Stadt ein friedliches Fest feierten, phantasierte der CDU – Innenminister was von einem „Wilden Westen“.

Nach der Räumung gaben die jungen Menschen nicht auf.
Gemeinsam mit der AWO und Stadtverordneten der Linken wurden Konzepte für eine soziokulturelle Zwischennutzung leer stehender Häuser in Potsdam entwickelt und der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein Prüfauftrag der Stadtverordnetenversammlung forderte, den Leerstand und mögliche Nutzungen von über 20 Objekten in Potsdam zu untersuchen. Gleichzeitig trafen sich Dutzende Menschen und verschiedene Projekt – und Wohninitiativen, um zu planen, was dort für eine soziale und bezahlbare Stadt passen könnte.
Inzwischen ist die Prüfung erfolgt.
Nur in drei Häusern könnte eine rein soziokulturelle Nutzung vorstellbar sein. Ansonsten müssen baurechtliche und finanzielle Gründe dafür herhalten, dass weiter nix passiert.
Für die Grundstücke und Häuser auf Herrmannswerder wird vorgechlagen, dass die ProPotsdam auf einem Teil ein Mietshaus baut – für das aktuell gar kein Geld da ist und der andere Teil für Einfamilien – und Reihenhäuser verkauft wird.

Statt eines soziokulturellen Gemeinschaftsprojektes Einfamilienhäuser.

Symbolträchtiger könnte man nicht sagen, was die Stadt von den Träumen und Konzepten der jungen Menschen hält.
Oder, wie es eine Sprecherin des Vereins Tornow40 formulierte: „Hier soll ein Teil des Grundstücks an private Investoren veräußert werden, um teuren Neubau zu finanzieren. Das ist ökologisch und ökonomisch nicht sinnvoll.“

Und gleichzeitig hält die Stadt an den Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch für die Menschen fest, die nicht freiwillig – aber trotzdem friedlich! – das besetzte Haus verlassen hatten.
Zehn Menschen sollen insgesamt 12.000 € Strafe zahlen. Dabei ist Hausfriedensbruch ein klares Antragsdelikt. Die Oberbürgermeisterin könnte sofort und unwiderruflich den Strafantrag zurück nehmen und die Sache wäre erledigt. Genauso haben frühere Oberbürgermeister übrigens gehandelt, als zum Beispiel die Feuerbachstraße besetzt wurde.
Nicht aber Frau Aubel.

Wenn man sich diese ganze Geschichte anschaut, bleibt eigentlich nur eine Schlussfolgerung:
Auf den Protest, die Verzweiflung, die Konzepte und Träume der jungen Menschen reagiert die Stadtpolitik mit einem dicken Mittelfinger:
Ihr seid uns völlig egal, bezahlt und seid ruhig.
Bitter.

Wir dokumentieren die Erklärung und das Video der Menschen aus der Initiative Tornow40:

Wir waren als Tornow40 auch dabei, um uns im Hauptausschuss die Bebauungspläne der Stadt für das Areal um die Tornowstraße anzuschauen.
Die westliche Hälfte des Hermannswerder soll an privat veräußert werden, während die östliche Hälfte (auf der sich auch die Tornowstraße 40 befindet) an die ProPotsdam verkauft werden soll. Dort soll, nach dem Abriss der Bestandsgebäude, dann ein Haus mit ca. 40 Wohneinheiten nach dem Vorbild der Forststraße entstehen. Erfahrungsgemäß sind die Mieten in einem Neubau von der Pro Potsdam sehr teuer. Gleichzeitig hat die Pro Potsdam in der Stadt mehrere Bauprojekte, die wegen fehlender Finanzierung auf Eis liegen. Vorraussichtlich werden die Gebäude Tornowstraße also weiterhin für eine lange Zeit leerstehen.
Zudem soll nur in 3 der geprüften Häuser eine Zwischennutzung möglich sein – allerdings nicht für eine Wohnmöglichkeit, sondern für einen rein sozialen und kulturellen Nutzen. Stets mit der Begründung, es sei wirtschaftlich nicht lohnenswert oder bautechnisch nicht möglich. Generell wirkt es nicht so, als wären die Verantwortlichen der Prüfung ernsthaft an dem Schaffen von Möglichkeiten für bezahlbaren Wohnraum interessiert.

Wir sind der Meinung, dass wir in der akuten Wohnraumkrise schnell bezahlbaren Wohnraum brauchen. Das Projekt der Stadt am Hermannswerder wird mit aller Wahrscheinlichkeit weder schnell noch bezahlbar. Wenn auch leider nicht überraschend, macht es uns umso wütender und zeigt nur noch deutlicher, wie wichtig aktive Arbeit gegen Gentrifizierung und für eine sozialere Wohnraumpolitik ist.
Knappe 5 Monate nach der Besetzung der Tornowstraße 40: Wir finden in unseren Briefkästen die Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch, während die Stadt -auf unseren Druck hin- im Hauptausschuss ihre Pläne für eine „soziale Wohnraumpolitik“ auf Hermannswerder vorstellen.
Es scheint, als wolle man ihr Handeln gegen uns möglichst schnell im Hintergrund abhandeln, sich aber gleichzeitig die grundlegende Idee hinter unserer Besetzung selbst auf die Fahne schreiben- eine Doppelmoral die wir auf‘s Schärfste verurteilen!
Und das motiviert uns noch einmal mehr, für uns geht es jetzt weiter: Nichts ist vorbei und nichts vergessen!!

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