Jugend. Gewalt. Kapitalismus.

Endlich haben wir in Potsdam wieder ein Aufregerthema, über das alle mitreden dürfen und sich äußern wollen – die Kommentarspalten bei MAZ und PNN sprechen für sich.
Und – Nein, es geht nicht um Wohnen, Mieten und Verdrängung.
Es geht auch nicht um die dramatische Haushaltslage der Stadt.
Auch die extreme soziale Spaltung der Stadt ist nicht das Thema.

Eigentlich seit mehreren Jahren und jetzt wirklich öffentlich geworden verüben junge Menschen in der Stadt schwere Straftaten, rauben, nötigen, bedrohen und verletzen vor allem andere Jugendliche.
Erst als jetzt richtig schwere Körperverletzungen und Überfälle bekannt worden reagieren Verwaltung, Politik und Polizei wirklich.

Um das gleich am Anfang klar zu stellen:
Dies sind schlimme Taten. Auch wir kennen Geschichten von Betroffenen und Opfern.
Hilflos Gruppen von offensichtlich vollkommen empathielosen Jugendlichen gegenüber zu stehen, körperliche Gewalt und Bedrohung quasi täglich im öffentlichen Raum zu erleben ist traumatisch.
Den Opfern gehört jedes Mitgefühl und jede Hilfe.
Die Täter müssen natürlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Gleichzeitig entwickelt sich in Potsdam – und anderswo – eine Debatte – die völlig einseitig, in Teilen rassistisch und vor allem völlig inhaltsleer und ohne jede Perspektive ist.

Was passiert denn, wenn wir die schlimmsten Täter weggesperrt oder – wie es der Innenminister Brandenburgs fordert – abgeschoben hat?
Ist dann alles wieder gut in Potsdam?
Gehen dann alle anderen Jugendlichen wieder brav in Jugendklubs oder machen ihre Partys ohne Störungen bei Mama und Papa im Einfamilienhaus?
Ist dann bei Familien in Armut, mit Gewalt – und Missbrauchsalltag plötzlich alles in Ordnung?
Ist für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen, in Depression oder Weltschmerz plötzlich eitel Sonnenschein? Und Traumata – ausgelöst durch schreckliche Erfahrungen zu Hause und auf der Flucht verschwinden einfach?

Natürlich geht es auch hier in Potsdam oft um Jugendliche mit Flucht – und Migrationshintergrund – das nicht zu benennen wäre eine Art positiver Rassismus.
Auch junge Menschen aus Syrien oder Tschetschenien können Arschlöcher, gefühllos gegenüber Mitmenschen, menschenverachtend und gewalttätig sein.
Aber zeigen sie mit ihren Taten nicht vor allem ein zutiefst sozialdarwinistisches, ausgrenzendes, auch frauenfeindliches und oft auch rassistisches Weltbild?
Wo haben sie das her?
Auch wieder: Natürlich bringen sie das auch mit.
Aber viele dieser Werte, die sie geradezu verinnerlicht und umgesetzt haben, erleben sie auch hier in Deutschland, in Potsdam jeden Tag im Alltag: Der Stärkere setzt sich durch, kümmere Dich nicht um andere, Hauptsache ich, so wie Du aussiehst ist es logisch, dass Du Opfer bist – genau das haben sie hier gelernt – und oft nichts anderes.
In ihrer Heimat genauso wie hier in der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Denn natürlich ist Potsdam eine zutiefst segregierte Stadt. Hier gibt es abgehängte Stadtteile, wo junge Menschen längst in dem Gefühl auswachsen, keine Perspektive zu haben, überhaupt keine Chance zu bekommen. Hier gibt es Schulen, die verwalten die Probleme nur noch, hier leben Familien mit Kindern, die in Gewalt, Armut und völliger Gefühlskälte aufwachsen – dafür aber mit allen digitalen Medien, die das in ihren Blasen noch zuspitzen.
Hier gibt es junge Geflüchtete, die aus kaum vorstellbaren Verhältnissen hierher gekommen sind: Kriegen, Gewalt, Hunger und dem täglichen Kampf ums Überleben. Auf der Flucht hat sich dies oft wiederholt. Gekommen sind meist zutiefst traumatisierte junge Menschen, die hier in Heime gesperrt worden, meist ohne psychische Hilfe und ohne Perspektive. Was soll bitte aus denen werden – außer, dass sie genau diese Sozialisation verinnerlichen und heute ausleben?
Und noch einmal: Natürlich ist all dies keine Entschuldigung für das Handeln auch von jungen Menschen. Verantwortung für sich selbst und seine Mitmenschen übernehmen, sollten wir als Menschen alle irgendwann lernen.

Gleichzeitig ist das kein Potsdamer Problem, solche Vorfälle gibt es in anderen Städten, in anderen Ländern.
Auch, weil es Parallelen in der gesellschaftlichen Entwicklung gibt: Soziale Ausgrenzung, statt Integration, die Verbreitung sozialdarwinistischer, neoliberaler Weltbilder, Kürzungen im Kultur – und Jugendbereich, ein zutiefst rassistischer Alltag, eine immer größere Schere zwischen arm und reich, ein Schulsystem, was früh Auslese, statt Integration betreibt.

Das ist Kapitalismus pur.
Und es ist bezeichnend, wie viele Menschen in ihren Reaktionen diese Werte nachbeten und sie teilen – egal, ob sie selbst betroffen sind oder nicht. Hier wird nach unten getreten und nicht nach oben.
Hauptsache ich – auch ein Wert, den uns der Kapitalismus täglich beibringt.

Das diese Einstellungen inzwischen von politischen Parteien vertreten und verbreitet werden, die von einer großen Minderheit genau dafür gewählt werden, zeigt eigentlich das ganze Problem. AFD und in Potsdam sicher auch große Teile der CDU verbreiten genau diese neoliberalen, menschenfeindlichen Positionen – die im Grunde nicht so weit entfernt sind von dem, was uns die Täter am Bassinplatz, in Bornstedt oder im Schlaatz sagen wollen.

Wichtig: Wir reden hier nicht über eine Mehrheit der Jugendlichen. Dies ist eine vergleichsweise kleine Gruppe.
Trotz aller Aufmerksamkeit – dies sie sich wahrscheinlich genauso erhofft haben – trotz aller Berichte in den Zeitungen: Hier geht es um eine kleine Minderheit von Jugendlichen. Viele andere – auch migrantische Jugendliche – versuchen, ihre Alltagssorgen, ihre Depressionen, Traumata und Zukunftssorgen anders zu verarbeiten.
Sie verbreiten keine Angst und Gewalt, demütigen und drangsalieren nicht vermeintlich Schwächere.

Aber auch sie stehen vor dem Scherbenhaufen dessen, was wir Zukunft nennen:
Sie sehen Krieg und Gewalt überall in der Welt, Autokraten, die Menschenrechte und Demokratie schleifen, Milliardäre, denen völlig egal ist, wie die Welt außerhalb ihrer IT Blasen und Privatstädte aussieht, erkennen, dass der Klimawandel immer krassere Wirkungen hat – und eigentlich völlig ignoriert wird.
Wenn sich diese Jugendlichen heute noch brav an Mama und Papa orientieren, vom eigenen Häuschen, Kleinfamilie, Auto und Kreuzfahrtschiff träumen – ist das so viel besser?
Und was ist, wenn sie auch mal aufwachen und feststellen:
Ihr zerstört unsere Zukunft, unsere Welt.
Ihr spielt uns gegeneinander aus.
Ihr ignoriert uns völlig.

Natürlich ist das auch in Potsdam so.
Diese Stadt ist eine Stadt, die so tief sozial gespalten ist, wie kaum eine andere Stadt in Deutschland. Zwischen Schlaatz und dem Heiligen See ist wie zwischen „Erster und Dritter Welt“ – titelte der Spiegel irgendwann mal. Während sich reiche Mäzene ihre barocke Traumstadt neu aufbauen leben viele Menschen von mehreren, prekären Jobs, können die immer höheren Mieten kaum noch zahlen und werden verdrängt.
Für Jugendliche gibt es immer weniger nichtkommerzielle Freiräume, sie werden in den privaten Raum verdrängt, haben im Grunde null Mitspracherecht.
Das ist die Stadt der Erwachsenen und Reichen. Hier ist alles so schön und wie früher.
Nur, dass sich das offensichtlich nicht für alle so anfühlt und eben auch Wut und Menschenfeindlichkeit produziert.

Das können wir weiter ignorieren und die Täter wegsperren.
Nur ändern wird sich dadurch nichts.

In Italien, Frankreich oder Spanien können wir beobachten, wie es weitergeht.
Im Spiegel haben junge Menschen Motive genannt:

Er „kenne die Frustration über eine hässliche Wohnung in der Peripherie, über einen beschissenen Job oder eine beschissene Schule und darüber, sich nichts Schönes leisten zu können. Ich kenne auch den Adrenalinkick, wenn das Geld dann doch kommt, und die Genugtuung, anderen zeigen zu können, wie weit du es gebracht hast. Wie weit du dich schon vom Sumpf entfernt hast“

„Die Gewalttätigen seid ihr, die ihr uns eine Zukunft versagt. Jetzt holen wir uns die Zukunft zurück.“

https://www.spiegel.de/ausland/ausschreitungen-in-italien-die-randalierenden-kinder-von-mailand-a-a205c689-5b73-4a7e-93de-470321b461ab

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