„Die Lage“ – ist ernst in Potsdam

Die Lage“ von Thomas Melle im Hans Otto Theater

Die Bühne ist als schiefe Ebene konstruiert. Neigungswinkel 42°. Das beansprucht die Physis der Schauspieler*innen beträchtlich. Da schmerzte nach den Proben schon mal, ein Muskel, von dessen Existenz sie zuvor nichts geahnt hatte, offenbarte Charlott Lehmann im Publikumsgespräch nach der Aufführung.

Auch bei Wohnverhältnissen gelten 40% als Schmerzgrenze, meinte Holger Zschoge vom Netzwerk Stadt für alle. Wer mehr als 40% des verfügbare Einkommens für die Miete ausgeben muss, gilt als armutsgefährdet. In Potsdam sind das, wie eine Studie von Andrej Holm u.a. für das Jahr 2018 ermittelte, 22,5% aller Mietverhältnisse.

Das Hans Otto Theater hat das Stück ‘Die Lage’ von Thomas Melle auf die Bühne gebracht und damit auf die verschärfte Wohnungssituation als gesellschaftliches Problem hingewiesen, das in Potsdam wie in anderen deutschen Großstädten seit Jahren für weite Bevölkerungskreise spürbar geworden ist.

Die schiefe Ebene als Sinnbild des Wohnungsmarktes, der ins Rutschen gekommene ist. Der Wert einer Immobilie, bestimmt durch “Lage, Lage, Lage” verkehrt sich für die Mieter*innen in eine Schief-Lage, die ihre Lebensverhältnisse aus dem Gleichgewicht bringt, wenn Modernisierung, Abriss oder Umwandlung in Wohneigentum sie aus ihrem gewohnten Umfeld werfen.

Oder wenn sie im Casting für das knappe Gut Mietwohnung das antrainierte Arsenal der Selbstvermarktungstechniken einsetzen, um gegen die Konkurrenz der zahlreichen Mitbewerber*innen erfolgreich zu sein: Nicht nur Schufaauskunft, Gehaltsnachweis , Kontoauszug,, umfangreiche Bewerbungsmappen, auch Details zu persönlichen Gewohnheiten, Partnern und Kindern werden freiwillig preisgegeben, um die Chance zu erhöhen, in das begehrte Wohnobjekt – ganz gleich ob einfaches WG-Zimmer, Altbauwohnung oder komfortable Neubau-Loft – einziehen zu können.

Ein Spiegelbild dieses mittlerweile auch für Potsdam alltäglichen Mietenwahnsinns hat die Regisseurin Elina Finkel auf der abschüssigen Bühnenplattform am Hans Otto Theater inszeniert. “Die Miete ist die soziale Frage unserer Zeit” sagt der Autor Thomas Melle; das Ensemble setzte diese Botschaft in einer eindrucksvollen Leistung um.

Dramaturgin Alexandra Engelmann hatte die Idee, nach den Theatervorstellungen Foyergespräche zu organisieren und lud das Netzwerk Stadt für alle zur Teilnahme ein. Wir fanden den Versuch, Theaterkunst und Stadtpolitik in einem Diskurs zu einem um sich greifenden gesellschaftlichen Problem zu verbinden, bemerkenswert und folgten als zivilgesellschaftliche Initiative gern dieser Einladung. Der Versuch ist – so unsere Wahrnehmung – gelungen und kann durchaus Nachahmung finden.

Ach, und noch etwas, liebe Leute:

Auch im Theater kann das Coronavirus zuschlagen. Wenn das dann einer tragenden Rolle passiert, muss die Vorstellung ausfallen. Oder man disponiert um. So geschehen am 25. März. Von einem Tag zum anderen übernahm Hannes Schumacher neben der eigenen Rolle im Stück auch die des erkrankten Kollegen. Allerhöchste Wertschätzung für diese Leistung!

Die nächsten Vorstellungen im Theater an der Schiffbauergasse finden am 22. April sowie am 19. und 29. Mai 2022 statt.

Geht hin, Leute, schaut Euch das Stück an, spendet Beifall und lasst Euch vom Geschehen auf der Bühnenschräge inspirieren, über die Schieflage der Verhältnisse außerhalb der Theaterraumes nachzudenken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.