Hausbesetzung in Potsdam

Heute, am Freitag, dem 15. Mai 2026 haben Dutzende Menschen das Haus in der Tornowstrasse 40 in Potsdam – auf der Halbinsel Herrmannswerder besetzt.

In einer ersten Reaktion der Stadt erklärte diese, die Besetzung vorläufig zu dulden.

Update vom 16. Mai 2026

am 15.05.26 haben wir die vorläufige Duldung der wiedereröffneten Tornowstraße 40 erreicht. Mit vielen Unterstützerinnen und interessierten Besucherinnen konnten wir das Gelände und das Haus bereits wieder beleben. Neben einem Live-Konzert, Karten- und Badminton-Spielen im Garten wurde das Gelände tatkräftig aufgeräumt und hergerichtet. Herbstlaub wurde beiseite gerecht, die Einfahrt frei geräumt und gefegt. Es gab Getränke und Essen für alle, tagsüber vegane Hotdogs, später Crêpes und Stockbrot an der Feuerschale. Lichterketten wurden aufgehangen und Blumensträuße aufgestellt. Auch im Haus wurde nach einer Runde putzen schon viel für das gemeinschaftliche Wohnen eingerichtet. Schlafgelegenheiten und Betten, erste Möbel und Inneneinrichtung wurden vorbeigebracht, die Spüle für die Küche angeschlossen. Wir freuen uns auch weiterhin über Unterstützerinnen und Besucherinnen.

Uns als neuen Bewohner*innen geht es darum hier ein lebenswertes und dauerhaftes neues Zuhause entstehen zu lassen. Anders als von der CDU dargestellt, sind wir keine „Straftäter“ mit denen man nicht verhandeln kann, sondern daran interessiert, im Sinne der gesamten Potsdamer Stadtgesellschaft hier neuen Wohnraum zu schaffen und damit die Wohnraumkrise zu entschärfen.

Im Laufe des Abends kam auch die Oberbürgermeisterin Noosha Aubel vorbei, um mit uns in Kontakt zu treten. Nach freundlichen und konstruktiven Gesprächen haben wir ihr eine Führung durch das gut besuchte Gelände und die Innenräume des Hauses gegeben. Die Oberbürgermeisterin hat daraufhin von einer Räumung unseres Projektes abgesehen und eine zeitlich begrenzte Nutzung des Objektes in Aussicht gestellt. Damit hat Noosha Aubel ein wichtiges Zeichen der Verantwortung gegenüber der Stadtbevölkerung und dem aktiven Vorgehen gegen den aktuellen Wohnraummangel gesetzt. Wir hoffen dahingehend auf eine weitere gute Zusammenarbeit.

Unsere Forderung bleibt: Wir wollen, dass hier ab sofort dauerhafter Wohnraum zur Verfügung steht!

Wir werden in den nächsten Tagen weiter daran arbeiten, Haus und Gelände zu Wohnzwecken herzurichten. Dazu prüft zum Beipiel am Samstag eine Baumpflegerin die Bäume auf dem Gelände und an der Einfahrt auf Verkehrssicherheit. Außerdem ist geplant, die Bausubstanz noch dieses Wochenende von einem Architekten begutachten zu lassen.

Wenn Sie Interesse haben, für einen Pressetermin vorbei zu kommen, schreiben Sie uns gern eine E-Mail.
Wir freuen uns über Besuch.

Mit freundlichen Grüßen

Potsdamer Nachbar*innenschaft

Wir dokumentieren die Pressemitteilung der Besetzter:innen:

Die Häuser denen die sie brauchen

Heute am 15.05.2026 haben wir die Tornowstraße 40 in Potsdam besetzt. Seit Jahren lässt die Stadt Potsdam hier dringend benötigten und theoretisch sofort bezugsfertigen Wohnraum leerstehen. Da die Stadt und auch die Bürgermeisterin ihrem Versprechen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, nicht nachkommen, handeln wir nun selbst. Seit heute ist das Haus selbstbestimmt wieder als Wohnraum nutzbar gemacht, entlastet so nicht nur den Wohnungsmarkt, sondern soll auch einigen Potsdamer*innen von nun an ein Zuhause bieten. Wir laden euch ein vorbeizukommen, mit uns ins Gespräch zu kommen und euch selbst von unserem Projekt zu überzeugen.

Die Wohnraumkrise in Potsdam ist bereits völlig aus der Hand geraten. Die Mieten steigen immer unverhältnismäßiger und werden für viele Menschen hier unbezahlbar. Wohnungslosigkeit ist auf dem Vormarsch. Gentrifizierung zerstört die soziale Durchmischung und gefährdet den sozialen Frieden. Die Stadt Potsdam, die in dieser prekären Situation eigentlich mindestens mit gutem Beispiel voran gehen sollte, lässt stattdessen dutzende ihrer Immobilien leerstehen. Allein hier am Hermannswerder mindestens 3 Häuser, da dort in den nächsten Jahren (oder auch erst Jahrzenten) privaten Investoren Tür und Tor geöffnet werden sollen. Die Potsdamer Bevölkerung bleibt hierbei mal wieder auf der Strecke. Konkrete Pläne gibt es noch nicht, allerdings wurden hier präventiv bereits alle Immobilien entmietet, seit Jahren zwar weiter mit Wasser und Strom versorgt, aber absichtlich leerstehend belassen. Das ist ein Skandal! Insbesondere im Angesicht der unzumutbaren Situation auf dem Potsdamer Wohnungsmarkt. Heutzutage eine halbwegs bezahlbare Wohnung in unserer Stadt zu finden ist, wie viele Potsdamer*innen selbst erfahren müssen, zu einer großen Herausforderung geworden.

Unsere Stadt ist in Puncto Mietspiegel die acht-teuerste der Bundesrepublik und die teuerste ganz Ostdeutschlands. Trotz vieler Versprechungen, eine Verbesserung für die hier lebenden Menschen zu erreichen, gehen die tatsächlichen Maßnahmen der Stadtpolitik eher in eine andere Richtung. An der Tagesordnung ist eine traurige Priorisierung von Investor*innen vor Mieter*innen und von Tourist*innen vor Potsdamer*innen. Diese zeigt sich auch an vielen anderen Stellen: Die teuren Rehistorisierungspläne der Altstadt werden oft auf Kosten von tatsächlicher Kultur mit tatsächlichem Mehrwert für Potsdamer*innen umgesetzt, wie man am Beispiel der Räumungspläne des Rechenzentrums zugunsten des Wiederaufbaus der Garnisionkirche sehen kann. Auch die strengen Restriktionen in Potsdamer Parks und das Betretungsverbot der Grünflächen der SPSG mindern die Lebensqualität von Menschen, die hier wohnen, erheblich. Diese sind aber nur die Spitze des Eisberges eben dieser unsozialen Stadtpolitik, denn es geht um mehr als unsere Freizeit und Kultur. Es geht um eines unserer grundsätzlichsten Bedürfnisse: um Wohnraum.

Da die Stadt nicht handelt, haben wir die Initiative ergriffen, unsere Vorstellung einer gerechten Wohnpolitik umzusetzen: Wenn am gleichen Ort bezugsfertige Häuser leerstehen, an dem Menschen dringend einen Platz zum Wohnen brauchen, ist keine komplizierte Lösungsstrategie nötig, sondern es sollte das naheliegendste getan werden. Die Menschen sollten in die Häuser einziehen. Wenn die Stadt ihrer Verantwortung nicht nachkommt und bestehende Häuser bewusst spekulativ zurückhält, anstatt sie zu vermieten, dann müssen wir sie uns selbst nehmen. Eine Besetzung ist für uns das letzte Mittel der Wahl und die direkte Konsequenz aus dem Versagen der Potsdamer Politik, angemessen für die Stadtbevölkerung zu sorgen.

An diesem Ort wollen wir nun ein Gegenbeispiel zum Status Quo aufbauen: Wohnraum nicht als Spekulationsobjekt, sondern von und für die Menschen aus unserer Stadt. Wir wollen solidarisch und sozial zusammenleben und so vielen Menschen wie möglich in unserem Haus und dem umliegenden Grundstück einen Ort zum Wohnen, zum Zusammenkommen und zum Leben bieten. Wir leisten damit unseren Beitrag gegen die akute Wohnraumkrise und zeigen sowohl der Stadtpolitik als auch den hier lebenden Menschen wie eine gerechte Wohnungspolitik aussehen sollte. Außerdem haben wir die Verantwortlichen der Stadt über unsere Aktion informiert und sie dazu eingeladen, mit einer Duldung des Projekts ebenfalls einen Beitrag zur Entschärfung der Wohnsituation in Potsdam zu leisten.

Unsere Hoffnung und Absicht ist nicht nur hier dauerhaft neuen Wohnraum zu schaffen, sondern auch einen generellen Rückgang von Leerstand in unserer Stadt zu erreichen. Entweder durch ein Umdenken der Stadtpolitik oder eben dadurch, dass sich weitere Menschen die Ignoranz der Stadt nicht mehr gefallen lassen und selbst handeln.

Wir freuen uns auf viele Besucher*innen und ein schönes Zusammenleben!

Eure Potsdamer Nachbar*innenschaft

Dies ist die Mail an die Stadt zum Nachlesen.

image_pdfRunterladen als PDF

2 Kommentare

  1. „Dieses Haus gehört seit heute uns“ – Wohnungsnot lindern durch Besetzung von Leerstand

    Potsdam, 16. Mai 2026. Die Havel glitzert, die Sonne scheint. Aber auf der Halbinsel Hermannswerder geht es nicht um Idylle, sondern um einen handfesten Wohnungsnotstand. Seit Freitagnachmittag ist die Tornowstraße 40 besetzt. Wer das Grundstück betritt, liest sofort:

    „Dieses Haus gehört seit heute uns, wir wollen diesen (nun ehemaligen) Leerstand wieder als Wohnraum nutzbar machen. Wir sind bunt, laut und vielfältig – das wollen wir auch zeigen.“

    Was nach radikaler Ansage klingt, ist in Wahrheit die nüchterne Bilanz eines Systems, das seit Jahren versagt: Während hunderte Potsdamer keine bezahlbare Wohnung finden, stehen Gebäude wie dieses drei Jahre leer. Ehemals eine Behindertenwerkstatt der Hoffbauer-Stiftung – heute ein Symbol für die Absurdität des Wohnungsmarktes.

    „Wir sind keine Kriminellen“

    Mit Andreas komme ich ins Gespräch. Er zeigt mir das Haus, den Garten, die Räume. Überall wird geputzt, eingerichtet, gelebt. „Die Verhältnisse müssen sich ändern“, sagt er. „Dann wären solche Aktionen nicht nötig.“

    Am Freitagabend waren Polizei und Oberbürgermeisterin Noosha Aubel da. Vorerst wurde eine Duldung zugesagt. Aber sicher ist nichts. Die CDU fordert bereits die Räumung. Die Besetzerinnen wissen, worauf sie sich einlassen. Deshalb hängt am Haus auch ein klarer Aufruf:

    „Bitte vermumme dich nicht und bleib friedlich, auch wenn die Cops es nicht sind oder versuchen uns zu provozieren. Bitte lass Pyros und Tag-Stift daher auch stecken. Ziviler Ungehorsam hingegen ist besonders beim Versuch einer Räumung ausdrücklich erwünscht!“

    Ein Wunsch an die Politik

    Ich frage Andreas: „Was wünscht du dir von einer oppositionellen Partei in diesem kapitalistischen System?“ Ich sage ihm, dass ich Mitglied von MERA25 BRANDENBURG bin.

    Seine Antwort ist einfach: „Macht diese Aktion publik. Redet mit den Volksvertretern, mit der Stadtverordnetenversammlung. Jeder soll sich selbst ein Bild machen können. Wir sind keine Straftäter. Wir sind Menschen, die handeln, weil andere jahrelang nichts getan haben.“

    Das eigentliche Problem: Privatbesitz an Grund und Boden

    Wer nur von „mehr Wohnungsbau“ redet, verfehlt den Kern. Das Grundproblem heißt: Privatbesitz an Grund und Boden. Denn solange Boden als Spekulationsobjekt und nicht als Gemeingut behandelt wird, solange Eigentümer über Leerstand entscheiden können, statt dass Wohnraum eine soziale Notwendigkeit ist – solange wird sich die Krise immer wieder reproduzieren.

    Eine Besetzung wie diese lindert die Wohnungsnot für einige Menschen, für einige Wochen oder Monate. Aber sie löst das Problem nicht. Die wirkliche Lösung kann nur heißen: Grund und Boden in gesellschaftliches Eigentum überführen. Nur dann wird Wohnen zur Versorgung, nicht zur Ware.

    Einladung zum Kommen – und zum Bleiben

    Die Besetzerinnen wissen, dass sie nur gemeinsam stark sind. Deshalb steht auf dem Aushang:

    „Wenn auch du wütend über die unzumutbare Situation auf dem Potsdamer Wohnungsmarkt bist, komm und bleibe gerne hier auf dem Grundstück und unterstütze uns durch deine Anwesenheit. Es gibt Küfa und Getränke! Gib auch gerne Freundinnen und Familie Bescheid.“*

    Und für den Fall, dass die Polizei doch räumen will:

    „Wenn die Cops versuchen zu räumen, bleib gerne direkt vor oder auf dem Grundstück, beziehungsweise vor oder im Haus, denn umso mehr wir sind umso besser stehen unsere Chancen das Haus zu halten.“

    Morgen kommt ein Architekt, um die Bausubstanz zu prüfen. Die Menschen hier wollen kein Chaos – sie wollen eine Zukunft. Für sich und für alle, die keine Wohnung finden.

    „Nehmen wir uns was uns zusteht und genießen wir gemeinsam diesen neuen, selbstverwalteten Ort.“

    Adresse: Tornowstraße 40, Hermannswerder, Potsdam
    Solidarität erwünscht: Vorbeikommen, zuhören, mitessen, mit anpacken.
    Die eigentliche Aufgabe: Überwindung des Privateigentums an Grund und Boden – damit Besetzungen irgendwann nicht mehr nötig sind.

    Dieser Bericht von meinem Besuch zeigt: Wohnungsnot kann durch Besetzung von Leerstand gelindert werden. Aber es ist ein Akt der Notwehr. Die Lösung kann nur im gesellschaftlichen Eigentum liegen.

    Bernd Trete Mitglied der Partei MERA25 BRANDENBURG

    1. Hallo Bernd,

      mein Name ist Falk Nobst von der DKP. Ich könnte mit Deinem Einverständnis deinen Artikel an die Junge Welt und an die UZ (Unsere Zeit, Zeitung der DKP) schicken. Habt Ihr auch schon den Artikel an den RBB und die einschlägigen Zeitungen gesendet?

      Viele Grüße
      Falk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert