Koloniale Amnesie

Die Armee im kaiserlichen Deutschland; Frühjahrsparade vor dem Kronprinzen Wilhelm in Potsdam (1910)

Vor einiger Zeit titelte die Kampfpostille der Retro-Fetischist*innen, die Zeitschrift Potsdam life mit „Die Zerstörung Potsdams – und die Rote Armee“ (Ausgabe 62, Winter 2020). Es werden detailliert Kampfhandlungen der tapferen deutschen Soldaten gegen die „Russen“ geschildert und die Flucht zu den Amerikanern als Rettung gepriesen. Der Duktus der Beiträge ist entlarvend. Alte Nazi-Propaganda trägt bis heute Früchte. Doch was hat dies mit kolonialer Amnesie und Potsdam zu tun? Viel!

Der Historiker Jürgen Zimmer ist Professor für Globalgeschichte mit dem Schwerpunkt Afrika. Er lehrt in Hamburg und er mahnt immer wieder die nostalgische Verklärung der deutschen Vergangenheitsbewältigung an. Diese kommt nicht nur in Denkmälern, Straßennamen, Rekonstruktionsbauten sondern auch in rassistischen Anschlägen und „im Rassismus bei der Polizei“ zum Ausdruck.** Zimmer sieht eine mentale Verbindung zwischen Kolonialismus und NS-Verbrechen. Dies ist auch für die Gegenwart von Bedeutung. Während sich nach dem Krieg aus verständlichen Gründen (leider bis heute notwendig) in der Geschichtsaufarbeitung auf den Antisemitismus konzentriert wurde, wurden andere Bereiche vernachlässigt. „Wir haben einen Strang des Rassismus in der deutschen Geschichte ignoriert, nämlich den gegenüber schwarzen Menschen.“

Die Kontinuität von Kolonialismus und NS-Zeit ist besonders im Rassismus gegeben. Bereits um 1900 existierten Rassengesetze im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. „Schon gut 30 Jahre vor den Nürnberger Rassengesetzen gab es im kolonialen Deutschland eine Bürokratie, die sich damit befasste, wie man Rassenschande bekämpft.“ Auch dies gehört zur deutschen Geschichte und dem preußischen Ordnungssinn! Schon damals sollte das Kolonialgebiet ohne Rücksicht auf die dort lebende Bevölkerung nach Gutdünken (Völkermord inklusive) umgewandelt werden. 

Der Generalplan Ost lieferte auf der Grundlage der NS-Rassendoktrin eine Planungsgrundlage für eine Kolonisierung und „Germanisierung“ von Teilen Ostmittel- und Osteuropas. Nach dem Sieg sollten bis zu 70 Mio. Menschen einfach nach Sibirien vertrieben werden, wissend, dass sie dort nicht überleben werden. Es sollte Platz für das „Volk ohne Raum“ geschaffen werden. „Russland ist unser Indien, unser Kolonialraum“ – so Hitler selbst. Das war nicht nur ein Vergleich mit Großbritannien, sondern auch ein Rückgriff auf o.g. koloniale Traditionen. Hitler beschrieb die Russen in seinem Buch Mein Kampf als zur Selbstorganisation unfähige Untermenschen, die lediglich dank der „germanischen Oberschicht“ ein Reich hatten aufbauen können. Es waren bekanntlich die Deutschen mit ihrer Wehrmacht, die Polen und später ganz Osteuropa überfielen. Die Sowjetunion hatte daraufhin 27 Mio. Menschen im II. Weltkrieg als Opfer zu beklagen. Mehr als die Hälfte davon Zivilist*innen. Stetig nährten die Nazis die Angst vor den „Russen“ und dessen Vormarsch, der zu erwarten war. Die Russophobie als Kombination von Antisemitismus und Antibolschewismus, dem zu bekämpfenden so genannten Jüdischen Bolschewismus war jedoch schon vor der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland vorherrschend. Einige Schreiberlinge haben sich scheinbar bis heute, „Winter 2020“, geistig nicht davon abgesetzt. Auch eine Form von Rassismus.

Während vielerorts auf der Welt – vor allem in den USA mit „Black Lives Matter“ und „Rhodes Must Fall“ – Initiativen Kolonialdenkmäler hinterfragen und abbauen, … „hat Deutschland in seiner Hauptstadt an zentraler Stelle eines eröffnet.“ Der Historiker Zimmer erklärt dies so: „Wenn ich Ihnen sage, das Schloss des Kaisers, in dessen Namen der Mord an den Herero stattgefunden hat, wird aufgebaut, während kein Geld für die Entschädigung der Opfer des Genozids zur Verfügung steht. Wenn ich sage, auf dieses Haus wird ein Kreuz montiert, das Symbol, in dessen Namen der europäische Kolonialismus 500 Jahre lang legitimiert wurde, versehen mit der Inschrift, alle mögen das Knie beugen unter dem christlichen Gott. Wenn man in dieses Haus im Grunde die größte Raubkunstsammlung außerhalb von Paris und London stellt – wie würden Sie das nennen? Ich sage, das ist ein Kolonialdenkmal.“

Zur Einordnung: der gemeinte Kaiser war ein Hohenzoller. Das Schloss ein Symbol der Macht. Angeblich auch ein Herz der Stadt. So zumindest lautete eine der vielen Begründungen für den Wiederaufbau. Wie in Potsdam. Frage: Wenn das Herz der Stadt ein Kolonialdenkmal ist, schlägt dann das Herz rechts? Was ist das für eine Hauptstadt, wenn der Herzschrittmacher auf dem Gleichschritt des deutsch-preußischen Militarismus und Kolonialismus beruht? Was ist das für ein Signal in die Welt, wenn in Berlin und Potsdam die Symbole der alten Mächte rekonstruiert werden? Werden sie dann auch reaktiviert? Im alten Sinne?

Bernhard von Bülow* prägte den Begriff: „unseren Platz an der Sonne“. Er rechtfertigte in einer Reichstagsdebatte am 6. Dezember 1897 die Erweiterung der Kolonialinteressen mit den Worten: „wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne. In Ostasien wie in Westindien werden wir bestrebt sein […], ohne unnötige Schärfe, aber auch ohne Schwäche unsere Rechte und unsere Interessen zu wahren.“ In seine Amtszeit als Staatssekretär des Äußeren fällt auch der Boxeraufstand in China im Jahr 1900. Die Verabschiedung der Soldaten, die dafür von Potsdam entsandt wurden, fand in der Garnisonkirche statt. Der Hof- und Garnisonspfarrer Johannes Kessler predigte am 15.07.1900 u.a. Folgendes „Ihr seid aber auch die Streiter Gottes, die nicht ruhen dürfen, bis sein heiliges Wort für alle gilt. Nicht Friede darf werden auf Erden, bis das heilige Evangelium der Glaube aller Völker ist. Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand an das Schwert!“

„Richte unsere Schritte auf den Weg des Friedens“ heißt es nun geläutert und lammfromm am Fuße des Retroturms der Garnisonkirche. Aber warum dann diesen Tempel der Ungläubigkeit und des Militarismus wieder errichten? Um ihn erneut einer Konversion zuzuführen! Prof. Zimmer hat für das Berliner Stadtschloss bereits einen Vorschlag: „Schüttet den Schlüterhof mit Sand aus der Omaheke auf, der Wüste, in der die Herero und Nama starben. Bestückt die nachgebaute Barockfassade mit Stacheldraht, der an Konzentrationslager erinnert. Dann können wir darüber reden, ob das Humboldt-Forum als Bauwerk ein Ort der Auseinandersetzung mit unserem kolonialen Erbe ist.“

Mit dem Turm der Garnisonkirche sollten wir ähnlich umgehen, um uns vor einer kollektiven Amnesie bezüglich unserer Geschichte zu schützen.

Dies ist 150 Jahre nach Reichsgründung, welche das Ergebnis der preußischen Kriege gegen Frankreich war, dringend notwendig. Denn während dieser Beitrag entstand, wurden wir informiert, dass auf www.preußen.de Georg Friedrich Prinz von Preußen eine ganz eigene Geschichtserklärung gepostet hat. „Mit allen guten Wünschen“ bittet er uns abschließend Blicken wir also kritisch, aber unideologisch, und ein Stück weit auch dankbar auf das zurück, was am 18. Januar 1871 begonnen wurde.“

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** alle Zitate von Prof. Zimmer stammen aus einem Interview, welches in der aktuellen Ausgabe National Geographic (Feb.21) unter dem Titel „Nostalgisch verklärt“ abgedruckt ist. Lesen bildet!

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