Beirat der Garnisonkirche bröckelt – Teil 2: die polnische Perspektive fehlt

Screenshot vom 03.20.21,

Vor einigen Jahren gründete sich vollmundig der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Garnisonkirche. Nicht ganz von selbst, sondern nur auf Druck der Öffentlichkeit, weil Stiftung und Förderverein nicht selbst in der Lage waren, ein inhaltliches Konzept für den angeblich „national bedeutsamen Prestigebau“ zu erstellen.

Offiziell hieß es zur Gründung durch Frau Schwaetzer: „Der wissenschaftliche Beirat soll die inhaltliche Ausgestaltung dieses Erinnerungs- und Lernortes etablieren. Dazu gehört auch ein Ansatz für eine „Schule des Gewissens“. Dem Kuratorium ist die wissenschaftliche Begründung und Begleitung der Friedens- und Versöhnungsarbeit äußerst wichtig.“

Auszug aus Potsdamer Spitze, Ausgabe 2019 S.10

Mittlerweile sind es statt der zehn Personen nur noch acht Beiräte!

Nachdem durch das Netzwerk Potsdam-Stadt-für-alle offengelegt wurde, dass Frau Prof. Susan Neiman den Beirat verlassen hat, wurde nun bekannt, dass auch Dr. Jerzy Marganski – der ehemalige polnische Botschafter – das „sinkende Kirchenschiff“ seit Längerem verlassen hat. Damit fehlt dem Beirat der Stiftung Garnisonkirche Potsdam jegliche internationale Kompetenz. Seine Diversität hat der stark von evangelischer Theologie geprägte Beirat damit weiter eingebüßt.

Wer die Homepage des Beirates analysiert erkennt schnell, dass es keine Produkte des Beirates gibt. Auch keine neuen Termine. Und die zur Schau gestellten Veranstaltungen reduzieren sich auf Moderationsarbeiten einiger wenigen Mitglieder.

Ganz anders der wissenschaftliche Beirat der Aufklärung. Die Zahl der Beiträge und Bildungsangebote auf lernort | garnisonkirche (lernort-garnisonkirche.de) wächst stetig. Der Beirat des kritischen „Lernort Garnisonkirche“ ist mit der Berufung von drei weiteren neuen Mitgliedern nunmehr vollzählig und umfasst 13 Personen. Neuberufen wurden die Professorin für jüdische Studien am Dartmouth College (New Hampshire) Susannah Heschel, die Kuratorin des Militärhistorischen Museum in Dresden Dr. Linda von Keyserlingk und die deutsch-polnische Kulturwissenschaften Dr. Agnieszka Pufelska vom Nordost-Institut an der Universität Hamburg.

Anfang Februar hat das neue Beiratsmitglied Agnieszka Pufelska in der FAZ einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht: „Vergesst die Teilung Polens nicht – Die Potsdamer Garnisonkirche darf kein Ort verklärender Erinnerung werden.“

https://zeitung.faz.net/faz/feuilleton/2021-02-01/1fb4d99aa57c81f75c85c134614f95bf?GEPC=s5

Der Beitrag endet mit „… Noch ein Beweis mehr, dass das Projekt Garnisonkirche nicht auf dem Amboss der kritischen Geschichtsschreibung, sondern im Schmelztiegel lokaler Politik geformt wurde. Diese sieht zurzeit leider nicht vor, europäisch ausgerichtete Erzählstrukturen in sein Konzept einzubetten – am wenigsten solche aus dem benachbarten Polen.“

Das Ausscheiden des ehemaligen polnischen Botschafters macht das Defizit auf Seiten der Garnisonkirche noch offensichtlicher!

Wir dürfen nicht vergessen: Versöhnung können nur die Opfer anbieten und nicht die Täter verordnen. Doch wer die Opferperspektiven nicht integriert, agiert in ausgrenzender Vereinnahmung und leistet der Verklärung der Geschichte Vorschub.

P.S. Anders als dem wissenschaftlichen Beirat „Lernort-Garnisonkirche“ fehlt dem Stiftungsbeirat nicht nur die polnische oder internationale Perspektive, sondern auch die jüdische.

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