Auf Grund der schlechten Finanzsituation der Stiftung Garnisonkirche forderte Landesbischof Stäblein bereits 2025 eine Exitstrategie für das Projekt „Wiederaufbau Garnisonkirche“. Die nun verkündeten Abgänge der langjährigen Vorstände Peter Leinemann und Martin Vogel scheinen der erste Schritt dahingehend zu sein. Es geht um Einsparung von Personalkosten, denn die Besucherzahlen für die unfertige und auch unnütze Turmkopie sind offenbar so schlecht, dass gehandelt werden muss. Die beiden Vorstände werden somit Opfer ihres eigenen Misserfolges.
Die Stiftung möchte sich nun auf die „politisch-historische Bildungs- und Vermittlungsarbeit für Jugendliche und junge Erwachsene“[2] konzentrieren. Also auf das, was sie bisher inhaltlich am wenigsten gut konnte und wofür es auch keine Turmkopie gebraucht hätte, denn die nachgebaute Hülle hat keinerlei Authentizität und keinen wahrhaften Bezug zur Hof- und Garnisonkirche des Erbauers, noch zum Wallfahrtsort des preußischen Militarismus und Faschismus späterer Epochen, mit Ausnahme des „Blutaltars“*1 in der heutigen Kapelle.
Mit dem erneuten Schwenk der Stiftung bei der Schwerpunktsetzung ihrer Arbeit ergeben sich zahlreiche Fragen. Hier nur eine zugespitzte: War es notwendig für ca. 50 Mio. €, überwiegend staatliche Mittel, einen Aussichtsturm zu bauen, um darin letztendlich doch nur einen kirchliches „Klassenzimmer“ zu bespielen?
Zur Kostenoptimierung der Stiftung
Viele Jahre wurden, auch durch die überwiegend staatlichen Fördermittel, neben den Bautätigkeiten auch zahlreiche Personalstellen bezahlt. Von dem einst mindestens 2,5 bezahlten Mitarbeitern bestehenden Stiftungsvorstand wird demnächst vermutlich nur noch Jan Kingreen als Programmvorstand anteilig von der Stiftung bezahlt.
Wir gehen davon aus, dass Angelika Zädow (die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Potsdam) und Stephanie Brandes (die Vorständin des Kirchlichen Verwaltungsamtes) nunmehr ihrer Tätigkeit für die Stiftung im Nebenamt ohne separate Bezahlung durch die Stiftung nachgehen. Damit wird das finanzielle Defizit der Stiftung gemindert und das personelle gesteigert. Es gibt also eine weitere Quersubventionierung von Arbeitsaufgaben der Stiftung durch andere kirchliche Institutionen. Sicherlich auch zu Lasten anderer Kirchen, denn das umstrittene Vorhaben Garnisonkirche wird wesentliche Kapazitäten von Frau Zädow und Frau Brandes einnehmen.
Die Kirchen der Stadt sind ohnehin schon die Leittragenden des vom rechtsextremen Bundeswehroffizier Max Klaar initiierten und vom Altbischof Huber vorangetriebenen „Prestigeprojektes Garnisonkirche“. Der dreiteilige Kirchenkredit von 5 Mio. € ist bis heute nicht durch die Stiftung zurückgezahlt worden. Am gewehrten Kredit ist auch die Kreissynode mit 250.000 € beteiligt.
Der Lernort Garnisonkirche hat bereits vor einem Jahr daran erinnert „… dass die Stiftung Garnisonkirche Potsdam der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im April 2017 mündlich wie schriftlich zugesichert hatte, dass die Kosten für den künftigem Betriebs des Turmes einschließlich Darlehnensrückzahlungen mit den Einnahmen aus den Turmbesteigungen, von ihr „moderat geschätzt auf 80.000 jährlich“, und mit den sonstigen Einnahmen gedeckt seien. Gleiches sicherte Bischof Markus Dröge der Synode der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg Oberlausitz im Frühjahr 2016 zu. Sowohl für die BKM wie die EKBO war diese verbindliche Zusicherung die Voraussetzung, um Mittel zur Finanzierung von Bauinvestitionen bereitzustellen.“ [1]
Dieses gebrochene Versprechen reiht sich in eine lange Reihe der Wortbrüche der Stiftung ein. Bei den aktuellen Presseankündigungen zum Abgang von Peter Leinemann und Martin Vogel hat die Stiftung Garnisonkirche erneut keine Angaben zu Besucherzahlen, zur Finanzsituation oder Kredittilgung gemacht. Wie immer bleibt sie in den entscheidenden Punkten untransparent.
Zur Bildungsarbeit der Stiftung:
Die Stiftung hat eigens die Satzung geändert, um sich neu ausrichten zu können. Das war nötig, weil alle anderen Stiftungszwecke (wie Förderung der Religion, Förderung von Kunst und Kultur, Förderung der Toleranz) bisher nur mäßig erfüllt wurden. Die SGP möchte sich nun auf die „politisch-historische Bildungs- und Vermittlungsarbeit für Jugendliche und junge Erwachsene“ konzentrieren.
Was das sein kann, machte der Auftritt des obersten Militärs des „kriegstüchtigen“ Deutschlands deutlich. Im Vortrag plädierte Carsten Breuer, dem Bundeswehr-Generalinspekteur, der kürzlich zum Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses gewählt wurde, für mehr militärische Abschreckung. Seine in der PNN nachlesbare Aussage „Militärische Abschreckung kostet, das wissen wir alle, das spüren wir alle“ [2] bedeutet nichts anderes, als knapper werdende öffentliche Kassen, Kultur- und Sozialabbau sowie eine Militarisierung der Gesellschaft. Aufrüstung braucht Feindbilder um die gesellschaftlichen Opfer zu rechtfertigen. Und diese „Segensbotschaft“ wird in einer Garnisonkirche verkündet. Das passt doch gut zur Geschichte des Hauses. Im Publikum saßen beim Vortrag von Herrn Breuer u.a. Schulkammerad*innen seiner Tochter. [2] War der Abend nun die angestrebte „Vermittlungsarbeit für Jugendliche“ oder eine Vermittlungsarbeit für die Bundeswehr?
Rückblick: Die Stiftung Garnisonkirche und die Kirchenleitung hatten 2016 die im Nutzungskonzept von 2005 noch vorgesehen Gelder für Bildungsarbeit selbst vollständig gestrichen. Vor Baubeginn entfielen sowohl die Stelle für eine PädagogIn / Wissenschaftliche MitarbeiterIn als auch die Sachmittel für die Bildungsarbeit. Nun will sie mit dem Thema durchstarten. Eine Stiftung, die es bis heute nicht geschafft hat, sich vom geschichtsrevisionistischen „Ruf aus Potsdam“ – dem Gründungsaufruf für den Wiederaufbau der Kirche – zu distanzieren will nun „politisch-historische Bildungsarbeit“ leisten. Auf der Webseite der Stiftung wurden/werden immer wieder tendenziöse Darstellungen und Verklärungen von Ereignissen publiziert. (s.a. https://potsdam-stadtfueralle.de/2023/12/06/sehnsuchtsort-garnisonkirche/)
Wegen dem fehlenden bzw. unzureichenden Engagement der Stiftung auf dem Gebiet der historischen und politischen Bildung hat sich vor vielen Jahren der Lernort Garnisonkirche als Alternative gegründet. www.lernort-garnisonkirche.de Dieser hat bis heute auch einen aktiven wissenschaftlichen Beirat und publiziert regelmäßig Beiträge zum Themenkomplex rund um die Garnisonkirche. Der alternative Lernort veranstaltete zahlreiche wissenschaftliche und öffentliche Symposien im nichtkirchlichen Raum, um auch die Breite der Gesellschaft zu erreichen und in die Debatte einzubeziehen.
Ganz anders die Stiftung Garnisonkirche. Sie igelt sich in den Mauern der Turmkapelle ein. Von einen wissenschaftlichen Bereit ist seit Jahren nichts zu hören. Die Ausstellung im Turm ist gut preußisch, hat aber wenig mit der (unheilvollen) Geschichte der Hof- und Garnisonkirche zu tun. Die Stiftung als Bildungsträger ist und bleibt eine zwiespältige Vorstellung.
Gute Bildungsarbeit gibt es außerhalb der Garnisonkirchen-Kapelle in der Stadt zahlreich und durch qualifizierte Träger. Viele davon haben allerdings in Zeiten des rechten Kulturkampfes und knapper werdenden Kassen mit der Finanzierung zu kämpfen. Hinzu kommt, dass kirchlich geprägte Bildungsarbeit in jedem anderen Kirchenraum der Stadt stattfinden könnte (von denen es reichlich gibt). Das Projekt Garnisonkirche verkommt zur Beliebigkeit und geht zu Lasten der kirchlichen Arbeit anderer Gemeinden. Gerade jetzt, wo zwei Kirchenfrauen im „Nebenjob“ die Geschäftsführung der Stiftung mit erledigen sollen.
von Oskar Werner/Christian E.
>>>
*1 Der im Jahr 1800 hergestellte hölzerne Altartisch diente der Garnisonkirche lange Zeit als Hauptaltar und wurde bei besonderen Anlässen auch im Freien als Feldaltar genutzt. An dem Altartisch wurden zahllose Soldaten für ihr Kriegshandwerk gesegnet, mit dem sie kurze Zeit später auch schwerste Kriegsverbrechen an Zivilbevölkerungen begingen und Völkermorde verübten.
Beim Aufbruch der Potsdamer Truppen zum Kolonialkrieg in China rief Pfarrer Kessler von diesem Altar aus den in der Garnisonkirche versammelten Soldaten zu: „Ihr seid aber auch die Streiter Gottes, die nicht ruhen dürfen, bis sein heiliges Wort für alle Völker gilt! Nicht Friede darf werden auf Erden, bis das heilige Evangelium der Glaube aller Völker ist. Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands! Darum Hand an das Schwert!“
Nachdem Wilhelm II. der Garnisonkirche aus Repräsentationsgründen einen Marmoraltar gestiftet hatte, fand der alte Altar von 1910–1945 in der Taufkappelle Verwendung. Am 9. August 1914 spielte er beim Feldgottesdienst im Potsdamer Lustgarten, an dem ungefähr 7000 Soldaten teilnahmen, eine zentrale Rolle. Ihnen sprach der neu ernannte Felddivisionspfarrer Walter Richter im Beisein des Kaisers Gottes Segen für ihren Einsatz im Ersten Weltkrieg zu. Im November des Vorjahres hatte der Hof- und Garnisonprediger Richter den Rekruten bei der Vereidigung im Langen Stall zugerufen: „Was kümmern uns die Hügel unserer Leichen … der deutsche Adler fliegt frei im Licht der eigenen Sonne … Adlerflug vorwärts!“ 1935 leitete der Militärpfarrer der Garnisonkirche Werner Schütz die Vereidigung von 4000 Rekruten auf Adolf Hitler an dem im Lustgarten aufgestellten Feldaltar mit den Worten ein: „Wer als Christ glauben und beten kann, der wird auch seinen Fahneneid halten, wird freudig sein zu jeder harten und schweren Pflicht, auch freudig zum Bluten und Sterben.“
[1] Stellungnahme des Lernortes Garnisonkirche vom 28.11.2025
[2] https://www.tagesspiegel.de/potsdam/brandenburg/putin-will-eine-neue-weltordnung-russland-meint-es-ernst-generalinspekteur-carsten-breuer-uber-die-bedrohung-deutschlands-und-des-westens-16085735.html (Fassung vom 23.09.2026)
