Antisemitismus bei den Hohenzollern

Des Kaisers rechte Gesellschaft  
Bildquelle: Bundesarchiv, Bild-102-14437

„Ich glaube, das Beste wäre Gas.“

„Die tiefste und gemeinste Schande, die je ein Volk in der Geschichte fertiggebracht, die Deutschen haben sie verübt an sich selbst. Angehetzt und verführt durch den ihnen verhaßten Stamm Juda, der Gastrecht bei ihnen genoß. Das war sein Dank! Kein Deutscher vergesse das je, und ruhe nicht bis diese Schmarotzer vom Deutschen Boden vertilgt und ausgerottet sind! Dieser Giftpilz am Deutschen Eichbaum!“, schrieb der ehemalige Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich 1919 in einem Brief an einen seiner letzten Getreuen. Später glaubte er, „das Beste wäre Gas.“ Unbelehrbar, schickte Kaiser Wilhelm II. am 17. Juni 1940, ein Jahr vor seinem Tod, ein Glückwunschtelegramm an Adolf Hitler und gratuliert zum Sieg über Frankreich: „Unter dem tiefergreifenden Eindruck der Waffenstreckung Frankreichs beglückwünsche ich Sie und die gesamte deutsche Wehrmacht zu dem von Gott geschenkten gewaltigen Sieg ...“

Schon sein Vater, Kaiser Wilhelm I wusste sich zu positionieren. Er ließ am 19. Oktober 1878 im Reichstag „das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ verabschieden und legalisiert damit die von Otto von Bismarck zur Staatsdoktrin erhobene Sozialistenverfolgung. Das ist heute 141 Jahre her.

Die Hohenzollern waren nicht nur Antidemokraten und Antisemiten, sondern auch Nazifreunde, egal ob NSDAP oder DNVP. Gleichzeitig war ihre Macht der Inbegriff der Verschmelzung von Krone und Altar, von Missbrauch des Glaubens an einen „deutschen Gott“. Wahrhafte und wehrhafte Un-Christen.

In jüngster Vergangenheit tauchen immer mehr wissenschaftliche Arbeiten von Historikern aus aller Welt auf, die diese unsägliche Verquickung dokumentieren. Und überregionale Zeitungen greifen dies auch auf (z.B. TAZ und SPIEGEL ; siehe Links am Ende des Beitrags; Sämtliche Zitate stammen aus den dortigen Beiträgen ).

Aus all den Berichten wird klar, dass die Hohenzollern aktiv Hitler unterstützt haben. Und dies über mehrere Genrationen – von Kaiser Wilhelm II bis Louis Ferdinand. Ihr Antisemitismus ist ebenfalls dokumentiert. Hier einige Beispiele:

Der Kronprinz, des Kaisers Sohn publizierte in der Herald Tribune (New York) am 27.8.1933 den Beitrag „Warum ist die Welt gegen uns?“ Der politische Terror gegen Andersdenkende war in vollem Gange, als der Kronprinz sich beschwichtigend an die amerikanische Öffentlichkeit wandte. „Juden und Marxisten“ verbreiteten ein Zerrbild von Hitler und Deutschland, auch wenn er einräumen müsse, dass es „vereinzelt“ zu bedauerlichen Missverständnissen und Gewaltanwendungen gekommen sei.

Der Kronprinz war überzeugt, dass „Europa und die ganze kultivierte Welt sich einst bei Adolf Hiltler bedanken wird, nicht nur Deutschland sondern die ganze zivilisierte Welt vor dem Bolschewismus gerettet zu haben“.

Die Brüder des Kronprinzen Wilhelm (Oskar und Auwi) wurden mit Billigung des Kaisers Teil der faschistischen Bewegung. In einem Brief an seinen Enkel schrieb der Kaiser in Bezug auf Hitler „Was einmal daraus werden wird, das wissen wir nicht, aber wir wissen, dass nur nationale Energien uns Deutsche wieder aufwärts führen werden. Das ist auch der Grund warum ich Deinen Onkels Auwi und Oskar innerhalb der nationalen Bewegung, der Nationalsozialistischen- bzw. Deutschnationalen Partei, freigegeben habe, und warum ich hier von dem Grundsatz der Zurückhaltung von Mitgliedern unseres Hauses in politischen Dingen ausnahmsweise einmal abgegangen bin. Besondere Zeiten und Umstände erheischen besondere Maßnahmen.“

Louis Ferdinand verstand. Nachdem er sich vom bekennenden Antisemiten Henry Ford sponsern ließ, kehrte er zurück ins Reich und wechselte schließlich zur Lufthansa, wo ihn nun Hermann Göring protegierte. Louis Ferdinand traf sich mit Hitler zu Privataudienzen. Louis Ferdinand unterhielt für alle Fälle auch Kontakte zu den Attentätern vom 20. Juli 1944, ohne selbst aktiv zu werden. Die Hohenzollern sicherten sich ab, falls doch noch andere Strömungen aus dem rechten Lager mal an die Macht kommen.

Louis Ferdinand schrieb 1933 an Roosevelt: „Deutschland wird ebenfalls seinen New Deal bekommen. Es ist eine der größten Befriedigungen meines ganzen Lebens, dass ich die historische Rede Hitlers im Reichstag erleben durfte, als er entschlossen die kraftvolle Hand ergriff, die Ihre Exzellenz im Namen Ihrer großen Nation ausgestreckt hatte, um dadurch das Vertrauen auf Frieden in der Welt wieder herzustellen.“ Das schrieb er nach Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes, Zerschlagung von Gewerkschaften und demokratischer Opposition. Die ersten Konzentrationslager entstanden zeitgleich.

Ferdinands Sohn, der heutige Hohenzollern-Chef Friedrich von Preußen ist nun der „Bettelprinz“. Er möchte zurückhaben, was seine Sippe sich in den Jahrhunderten davor unter den Nagel gerissen hat. Was er, außer der Garnisonkirche in Potsdam vom Staat gesponsert bekommt, ist noch unklar.

Es stellen sich viele Fragen: Wieso verhandelt Frau Grütters (CDU) im Auftrag des Bundes überhaupt mit solchen Leuten? Das auch noch geheim. Wieso lassen sich die Landesregierungen in Brandenburg und Berlin eine Verschwiegenheit auferlegen? Regierungen sind in der Demokratie prinzipiell rechenschaftspflichtig und Abgeordnete haben ein Auskunftsrecht! Diese Grundprinzipien der Demokratie werden bei dem Preußen-Deal ausgesetzt. Wieso gibt die Kulturstaatssekretärin Frau Grütters zeitgleich bereitwillig 12 bis 18 Mio. Euro für den Bau der preußischen Hof- und Garnisonkirche aus. Wieso baut die Bundesrepublik in Potsdam dieses Symbol der Macht der Hohenzollern auf? Wieso muss gerade eine evangelische Kirche der höchste Bau einer Stadt sein, und anderen Religionen ihre „Kleinheit“ vorhalten? 80 Prozent der Stadtbevölkerung ist heute konfessionslos. Wozu dann dieses Symbol? Wer will hier wen besiegen oder  sich über ihn/etwas stellen?

Das die Gesellschaft seit 1990 nach rechts gerutscht ist, ist nicht neu. Es zeigt sich in den Wahlergebnissen der Republikaner, der NPD und jüngst der AfD, den zahlreichen Brandanschlägen auf Asylunterkünfte, dem NSU sowie aktuell in dem versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle/S. Es wird aber auch im Alltag immer deutlicher. Neu ist das nicht. Bereits im August 1991, als die Überreste der beiden Preußischen Könige (Soldatenkönig und Friedrich der Große) nach Potsdam gebracht wurden, war die Stadt voll mit Burschenschaftlern, Nationalisten und Neofaschisten. Potsdam als Kultstätte. Reichskriegsflaggen und andere schwarz-weiß-rote Banner wurden durch die gesamte Stadt geschwenkt. Die Polizei stand daneben und die Bundeswehr stand Ehrenwache an den Särgen. Der Kanzler der Republik schwadronierte durch Sanssouci. Und der evangelische, sozialdemokratische Landesvater Manfred Stolpe hielt die Festrede; im Beisein von Louis Ferdinand und dessen Sohn Friedrich, auf die preußischen Tugenden. Keine Kritik an den Hohenzollern – im Gegenteil: Reputation für die Mittäter von damals. 

Wer dagegen demonstrierte wurde damals als Jude, rote Socke oder als Schande für Deutschland beschimpft. Wer heute gegen die Garnisonkirche ist, erfährt ähnliches im Netzalltag. Springers-Welt schimpfte jüngst alle Gegner als ewig Gestrige, DDR-Nostalgiker und Kirchengegner. Dumm nur, dass auch Christen keine Garnisonkirche brauchen.

Aber auch Matthias Platzeck (ehemaliger Bürgermeister und Ministerpräsident) und Jann Jakobs (ehemaliger Bürgermeister; beide SPD) haben sich einlullen und zur Hochzeit Friedrichs von Preußen einladen lassen. Selbst der Bundespräsident läuft Gefahr, mit seiner Schirmherrschaft über den Garnisonkirchenbau den Falschen zu huldigen oder der Rechten Vorschub zu leisten. Die Sozialisten fühlten sich nach der Reichstagswahl 1893 schon mal als Sieger der Geschichte, als die Sozialistengesetze aufgehoben wurden. Ein Irrtum, wie sich in den folgenden 50 Jahren herausstellte. Fehlendes Geschichtsbewusstsein.

Und seitens der Hohenzollern fehlt jedes Schuld- oder Schamgefühl und seitens der aktuellen Politik jegliche Distanzierung zu diesem Adelsgeschlecht. Die permanente Hervorhebung von sogenannten preußischen Tugenden oder des Kartoffelsegens ist nichts anderes als das Übertünchen der militaristischen, faschistischen und antisemitischen Vergangenheit. Das ist der Nährboden für Gleichgültigkeit und Verdrängung bezüglich unserer Geschichte. Und es ist der Nährboden für die politische Rechte. Es ist die alltägliche Geschichtsrevision in den Köpfen von Politik und Bevölkerung. Und der Bau der Garnisonkirche ist eine Vergegenständlichung dieses Prozesses.

Links:

TAZ:  https://taz.de/Hohenzollern-und-Nationalsozialismus/!5628218/

SPIEGEL: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/hohenzollern-entschaedigung-seine-koenigliche-hoheit-hat-noch-nicht-genug-a-1290289.html

P.S. Herrn Jakobs muss zugestanden werden, dass er immer mit Potsdam Farbe bekannte. Leider hielten ihn diese Aktivitäten nicht von Fehlern bezüglich der Geschichte und Stadtgestaltung ab.

P.S.2: (Nachtrag 19:00 h) Frau Dr. Martina Münch (SPD), Ministerin des Landes Brandenburg für Wissenschaft, Forschung und Kultur sitzt im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche und für das Land Brandenburg am (geheimen) Verhandlungstisch mit den Hohenzollern.

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