VVN-BdA fordert kritische Kommentierung des Glockenspiels

„Üb immer Treu und Redlichkeit“ sowie „Lobet den Herrn“ erklangen heute vor 107 Jahren im nervigen Halbstundentakt. Der erste große Sieg wurde gefeiert, nachdem am 01.August 1914 im Neuen Palais der deutsche Kaiser dem Rest der Welt den Krieg erklärte.  Der Sieg bei Tannenberg (30.08.1914) galt vielen als Beweis dafür, dass die deutschen das von Gott auserwählte Volk waren und dafür, dass die deutsche militärische Führungskunst überlegen ist. Auch die Richtigkeit des Dogmas der Vernichtungsschlacht wurde bestätigt. Geschickt inszenierte die zeitgenössische Propaganda den umfassenden Sieg als erfolgreichen Kampf des „Germanentums“ gegen das „Slawentum“. „Inszenierung“ ist auch das Label des Glockenspiels an der Plantage.

Die Debatte um das abgeschaltete Glockenspiel mit seinen rechtsradikalen Einschreibungen und die Unterschutzstellung durch das Landesdenkmalamt reißt nicht ab. Das Gebimmel der Original-Garnisonkirche war die Begleitmusik zum preußisch-deutschen Militarismus und Größenwahn. Und die Hof- und Garnisonspfarrer lieferten die ideologische Performance dazu. Der Nachbau des Glockenspiels an der Plantage steht in dieser Tradition.

Vor wenigen Tagen hatte sich der Bundesverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) e.V. zum Glockenspiel positioniert. Die Potsdamer Tageszeitungen berichteten nichts davon. Vielleicht sind sie eingeschüchtert, weil sich der OBM Schubert jüngst darüber beschwerte, dass zu viel zu diesem Thema berichtet wird (siehe der kleine König Maik in Vom kleinen Prinzen lernen – Potsdam – Stadt für alle (potsdam-stadtfueralle.de) ).

Wir dokumentieren die Pressemitteilung des VVN-BdA:

VVN-BDA FORDERT KRITISCHE KOMMENTIERUNG DES GLOCKENSPIELS

Der Bundesverband der VVN-BdA hat die Entscheidung des Brandenburger Landesdenkmalamts zur Kenntnis genommen, das nachgebaute Glockenspiel der ehemaligen Potsdamer Garnisonkirche in die Denkmalliste aufzunehmen. Das Argument, dieses Glockenspiel sei ein „eigenständiges Denkmal der jüngeren Zeitgeschichte“, können wir nur bedingt nachvollziehen.

Behauptet wird, damit besitze die Potsdamer Stadtgesellschaft die Chance, anhand originaler Substanz sich ihrer eigenen jüngsten Geschichte zu vergewissern und diese weiter zu erforschen. Der Anspruch klingt honorig, aber er ist geschichtsvergessen und politisch problematisch.

Es handelt es sich hier nicht um eine „originale Substanz“. Die Garnisonkirche selber existiert weder in ihrer Bausubstanz, noch in irgendwelchen Überresten, die denkmalsfähig wären. Das Glockenspiel als früherer Teil der Garnisonskirche ist ebenfalls eine Nachbildung.

Schon seine Rekonstruktion in den 1980er Jahren in der damaligen BRD war ein extrem rechtes Ideologieprojekt, das genau darauf abzielte, den ursprünglichen Symbolgehalt der Garnisonkirche aufzugreifen, um einen Symbolort für die politische Rechte zu schaffen.

Die VVN-BdA und mit ihren Gruppen und Initiativen, die sich für eine angemessene Beschäftigung mit der deutschen Zeitgeschichte engagieren, fordern eine kritische Kontextualisierung des Glockenspiels. Nur dadurch kann einerseits die durch die Obere Landesdenkmalbehörde als Grund der Unterschutzstellung genannte öffentliche Kontroverse und problematische Vorgeschichte des Glockenspiels sichtbar gemacht werden und gleichermaßen der menschenfeindliche Symbolgehalt des Glockenspiels gebrochen werden.

Wir erwarten von der Landeshauptstadt Potsdam, dass sie in einem transparenten und demokratischen Prozess Ideen für eine kritische Einbindung des Glockenspiels in den Stadtraum entwickelt. An diesem authentischen Ort muss Potsdam Farbe bekennen, eine geeignete künstlerische Intervention oder Kommentierung zulassen und einen Lern-, Erinnerungs- und Gedenkort schaffen.

Als bundesweiter Interessenverband der Opfer des NS-Regimes und ihrer Nachkommen und Unterstützer*innen möchten wir zugleich unsere Beteiligung an diesem Prozess einfordern.

bundesbuero@vvn-bda.de

P.S: Wer nicht warten möchte, bis die Stadt sich dieser Herausforderung stellt, kann sich gern online unter http://lernort-garnisonkirche.de/?p=1205 oder vor Ort im Lernort Garnisonkirche (im EG des Kunst- und Kreativhauses Rechenzentrum) selbst ein Bild zum Thema Glockenspiel machen.

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