Visitenkarte der Nation

Bauten von nationalistischer und kolonialer Bedeutung

Quelle: www.africavenir.org

Diesmal geht es nicht allein um die Garnisonkirche Potsdams, sondern deren sperriges Pendant in Berlin: das Humboldt-Forum. Die Stadtschloss-Attrappe sorgt dieser Tage für zahlreiche Schlagzeilen. Wenn es um das Forum geht, geht es um Kolonialismus, um die Exponate, genauso um Preußenidealisierung, Glaubensmissbrauch oder rückwärtsgewandte Architektur. Vor einigen Tagen wurde das Humboldt Forum in der Mitte Berlins nun teileröffnet, nur digital. Zum Glück gab es kein Fest um dieses Trauerspiel deutsch-nationaler Verklärung und Schuldverdrängung.

„Visitenkarte der Nation“ als Bezeichnung für die Stadtschloss-Attrappe – das Humboldt-Forum – stammt übrigens von Frau Grütters, der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Eine Visitenkarte der deutschen Nation. Die 10 – 11 Millionen „Ausländer*innen“ in Deutschland (also der Einwohner*innen ohne deutsche Staatsangehörigkeit) sind mit solchen Slogans schon mal ausgegrenzt. Nachdem ein Palast der Republik geschliffen wurde, wird an gleicher Stelle nun der Nation gehuldigt. Was steht auf der Visitenkarte? Was steckt in der gebauten Visitenkarte dieser „deutschen Nation“?

Äußerlich ist es ein Sammelsurium von Baukitsch. Rekonstruktion statt eigenständiger Architektur. Die Verhöhnung originaler Denkmäler und die junger Architekt*innen, die mit ihrer Formsprache einer neuen, globalisierten Generation Ausdruck verhelfen könnten. Die deutsche Nation als barockes Bollwerk. Barock steht für die politisch-religiösen Idealen der Gegenreformation und des Absolutismus. Weniger Demokratie, Offenheit und Teilhabe geht baulich nicht.

„Was dort entstanden ist, ist ja bis auf ganz, ganz kleine Teile – unter anderem einige originale Fragmente der Fundamente und einige originale Keller und vor allem einige winzige Teile von Skulpturen – vollständig ein Neubau. Wir dürfen wirklich nicht vom Berliner Schloss sprechen, das ist eigentlich glatte Geschichtsklitterung, wenn man so will. Das ist ein Neubau, der heißt eigentlich Humboldt Forum.“ sagte der Architekturkritiker Nikolaus Bernau gegenüber dem Deutschlandfunk.

Die Rekonstruktion nimmt sich der baulichen Fassung um 1720 an. Das war übrigens eine „friedliche“ Periode des Preußentums. 1701 krönt sich Friedrich I. in Königsberg selbst zum „König in Preußen“. (Böse Zungen behaupten, dass daher der Begriff Königsberger Klops stammt.) Mit der Erhebung zum Königreich legte Friedrich den Grundstein für die Entwicklung Preußens zur europäischen Großmacht. Vor allem durch seinen Sohn, dem Soldatenkönig der die Militarisierung vorantrieb und dessen Nachfolger, Friedrich des Großen, der halb Europa in Kriege verwickelte, wurde Preußen zu dieser. Friedrich I. war aber nicht nur mit seiner Selbstinszenierung beschäftigt, sondern auch wesentlich am Sklavenhandel der damaligen Zeit beteiligt.

Es folgten zwei Jahrhunderte kolonialer Eroberung; von Raub, Sklavenhandel bis Völkermord unter der Herrschaft der Hohenzollern. Auch das ehemalige Berliner Stadtschloss wurde mit Sklavenhandel finanziert. Somit schließt sich der Kreis auf der Visitenkarte der Nation, wenn jetzt dort die Beutekunst der Jahrhunderte ausgestellt wird. Es ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) die ihre „ethnologische Sammlung“ ausstellt. „Gemälde, Skulpturen und Schmuck aus aller Welt“ heißt es unkritisch. Qualifizierte Kritik daran gibt es schon seit vielen Jahren.*

Die Visitenkarte ist aber auch – ähnlich dem Bau des Garnisonkirchenturms – der Versuch der Neu-Christianisierung der Bevölkerung. Christlich-abendländische Glaubens-Ikonisierung in einer Zeit, in der gilt, religiöse Abgrenzung zu überwinden, glauben nicht zu radikalisieren und durch zur Schaustellung zu instrumentalisieren. Toleranz leben, statt sie dem „Willen Jesu Christus“ zu unterwerfen. Jesus ist die Leid- und Leitfigur EINER Weltreligion. Mehr nicht! Auch in seinem Namen wurden über 1000 Jahre lang Kriege geführt. Erst gegen Andersgläubige. Später standen auf beiden Seiten des Schlachtfeldes Christen. Und Militär- und Garnisonspfarrer predigten beiderseits Gott sei mit ihnen.** Gott muss eine Erfindung der Mächtigen oder ein Zyniker sein. Friedman brachte es im Interview mit Bischoff Huber auf den Punkt: „Wo war Gott in Ausschwitz?“***

Dem Humboldt-Forum wurde auf die Kuppel ein christliches Kreuz gesetzt, obwohl keine Kapelle sich darunter befindet und das Originalschloss kein Kreuz bis 1853 trug. Der Ästhetik zu Liebe? Nein, dahinter stecken klerikale und rechtskonservative Interessen und Geldgeber*innen.

Nach den Revolutionen von 1848/1849 wollten die Machthaber ein Zeichen setzen – gegen die Demokratie. Nachdem oppositionelle Volksversammlungen in Berlin Freiheitsrechte von der preußischen Monarchie gefordert hatten, ging ab dem 13. März 1848 Militär gegen sie vor. Diese Auseinandersetzungen steigerten sich am 18. und 19. März zu Barrikadenkämpfen. Eine frei gewählte Nationalversammlung begann mit der Ausarbeitung einer Verfassung für Preußen. Die Uneinigkeit der revolutionären Kräfte ermöglichte es dem König Friedrich Wilhelm IV. jedoch, die meisten Zugeständnisse ab 1849 wieder zurückzunehmen.

Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. formulierte 1853 mit der Inschrift einen christlichen Vormachtsanspruch. „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“
Weder Kreuz noch Inschrift waren in den ersten Entwürfen des Nachbau-Architekten Franco Stella vorgesehen. Sie wurden durch die Spende der Witte des Otto-Versandhaus-Gründers unter Zustimmung der Stiftung Humboldtforum möglich. Private Investoren bestimmen das Erscheinungsbild der „nationalen Visitenkarte“!?
Die Inschrift kündet damals von der antidemokratischen und antisemitischen Einstellung des Königs und heute von der Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen! Analogien zur Garnisonkirche sind unverkennbar. Nur ein Beispiel: auch hier wurde gegen alle Aussagen und Versprechen durch private Spenden die preußische – kriegserklärende – Wetterfahne zur Krone des „stadtbildheilenden“ Turmes erklärt.

Auch die Säuselei der Verantwortlichen klingt gleich: Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht das Kreuz daher als Gesprächsimpuls: „Dieses Kreuz ist allemal eine Einladung zum Dialog über Nächstenliebe, Toleranz, Weltoffenheit und über die Rolle von Religionen in unserer heutigen globalen Gesellschaft.“ (rbb24, 29.05.2020) Hartmut Dorgerloh, jetzt Generalintendant des Humboldt Forums (uns als Chef der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten leidig bekannt), nennt das Ganze „Mehrdeutigkeit ist unsere DNA“.  Das könnte auch von der Stiftung Garnisonkirche sein. „Beliebigkeit“ wäre die wohlwollende Variante der DNA-Deutung. „Geschichtsrevisionismus“ wäre eine andere Bezeichnung für die DNA dieser nationalen Visitenkarte.

Kreuz und Inschrift am ehemaligen Stadtschloss waren herausragende Symbole des preußischen Staatschristentums und für die preußische Dreifaltigkeit aus König, Kirche und Krieg. Die Garnisonkirche ebenfalls. Sie war der religiöse Leitbau. Für beide Gebäude gilt: sie vergiften die ohnehin ideologisch aufgeladene Atmosphäre zum Thema Nationalismus heute. In Zukunft werden es die Rechten und die, die sich mit der nationalen Geschichte versöhnen wollen, noch leichter haben. Das Humboldt-Forum und die aufgebaute Attrappe des Garnisonkirchturms bieten ihnen die Rechtfertigung für ihre Thesen, Machtgelüste und Demokratiefeindlichkeit. Sie müssen sich nur vor die Eingänge der Gebäude stellen und nach oben zeigen (oder gar den rechten Arm heben). Die Kulissen als Wertgeber und Werbeträger überwunden geglaubter Ausgrenzungsfantasien. Klerikale und Menschen die „die gute alte Zeit“ hofieren sind (ungewollt) ihre Helfershelfer*innen.

Die sogenannten Visitenkarten der Nation sind nicht von nationaler, sondern von nationalistischer Bedeutung.

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*Buchtipp: AfricAvenir International (Hrsg). No Humboldt21! Dekoloniale Einwände gegen das HumboldtForum, AfricAvenir, ISBN 978-3-946741-03-9, 198 Seiten, 14 Euro.

**Nur ein Beispiel: „Ihr seid die Pioniere des gekreuzigten Heilands!“ Die Prediger der Garnisonkirche im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg – (lernort-garnisonkirche.de)

***Nachzuhören und zu sehen unter: Auf ein Wort…Gott | Michel Friedman im Gespräch mit Wolfgang Huber – YouTube

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